Alles rund um den Bleistift




Platz #40 in Kunst, Kultur & Foto, #1177 insgesamt
0

Hommage an einen Bleistift

Das ist meine Geschichte, die Geschichte eines einfachen, kleinen Bleistiftes, geboren in den unendlichen Weiten des brasilianischen Dschungels oder aber als Abfallprodukt der Holzindustrie in der Eifel. In der globalisierten Welt von heute kann man sowas ja nicht mehr genau sagen. Ich kann auf eine bewegende und interessante Geschichte meiner Familie zurückschauen. Meine ersten Vorfahren lebten bereits vor mehreren Jahrtausenden, als im alten Ägypten mit Blei ausgegossene Bambus- oder Papyrusrohre zum Schreiben genutzt worden sind. Hier zu Lande hießen meine Vorfahren erst Schreibblei, Reißblei oder Wasserblei. Ich trage meinen Namen zwar mit Stolz, aber nicht zu Recht, denn meine Mine wird schon seit über einhundert Jahren aus einem Graphit-Ton-Gemisch gefertigt.

Bereits im achzehnten Jahrhundert benutzen große Dichter wie J.W. von Goethe unsere Gattung als besonders angenehem zu führendes Instrument für ihre Schöpfung. Aber auch berühmte Männer der Politik wie der deutsche Staatsmann Otto von Bismarck fanden Verwendung für Bleistifte, auch wenn wir hin und wieder zum Stopfen seiner Pfeifen dienen mussten.


Meine Kindheit war gar nicht leicht, da man mich oft wegen "Schwarzmalerei" gehänselt hat. Ich bin kein Koh-i-Noor Hardtmuth oder Fabriano und nicht wie die anderen Stifte rot, gelb, blau oder grün. Ich bestehe leider nicht aus dem hochwertigen, langsam wachsenden und deshalb äußerst teuren Zedernholz des Wacholders aus Virginia. Eine Menge meiner Gefährten bestehen aus Ahorn oder dem Holz der Linde. Mich hat man lediglich aus dem Pinienholz "geschnitzt". Es gibt aber ebenso Kollegen von mir mit Mänteln aus Metall oder Plastik, die Druckbleistift oder Fallminenstift genannt werden. Nichts desto trotz bleibt aber auch der mit weißgoldener Kappe und drei Brillianten besetzte Verwandte von Faber-Castell trotz einem Wert von über 10.000 Euro nur ein Bleistift. Zwei Millarden Bleistifte erblicken jährlich allein bei Faber-Castell das Licht der Welt.

Minderwertigkitskomplexe plagen mich also nicht. Ein bleistiftlanges, interessantes Leben steht mir bevor. Ein Stift in der liebevollen Hand eines Kindes ist weniger ein Werkzeug, als viel mehr ein Spielzeug auf dessen phantastischer Spielwiese. Ich könnte so die ersten, kindlichen Gedanken festhalten und so einen Teil zu wertvollen Kindheitserinnerungen beitragen. Als Instrument eines grafischen Zeichners wäre ich für äußerst präzise Skizzen zuständig. Ein Baumeister könnte mit meiner Unterstützung sagenhafte Bauwerke für die Menschen schaffen.
Künstler zu werden, bleibt aber weiterhin mein größter Traum. Was gibt es Schöneres als die kostbaren aber vergänglichen Momente des Lebens, das Portrait eines geliebten Menschen in all seinen Facetten oder liebgewordene Andenken an einen einzigartigen Begleiter auf dem Zeichenpapier zu verewigen? Mit meiner sehr feinen Strichführung kann ich Effekte und Schattierungen erzeugen, die mit anderen Materialien wie Zeichenkohle oder Pastellkreide nicht möglich sind. Als Instrument eines leidenschaftlichen Zeichners könnte ich seine außerordentliche Detailliebe zu Papier bringen und so eine traumhafte Bleistiftzeichnung zaubern, die wunderbar auch als Geschenk geeignet ist.
 




Remove