Billie und Hagen im Museum - Kurzgeschichte




Platz #46 in Kunst, Kultur & Foto, #2132 insgesamt
5
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Billie und Hagen im Museum

„Rinderplastik“, stand auf dem weißen Schild unter der Skulptur, „Holz und Lack – 2003“. Das Maul der Kuh war rosa, der Rest schwarz-weiß. Davor standen lässig gekleidet und cool Billie und Hagen, sie 24, er 22. Hagen nestelte in der Tasche seiner blauen Schlaghose an einer etwas verbeulten Zigarettenschachtel und dachte kurz an Geld. Er schwitzte unter seinem Schal.
Silke Kasper, examinierte Kunsthistorikerin, hatte schon länger ein Auge auf das junge Paar geworfen und meinte Potential erkannt zu haben. Jetzt, wo die beiden vor einem Exponat etwas länger stehen blieben, ergriff sie ihre Chance und gesellte sich dazu.
„Der Künstler wollte nicht nur das offensichtliche Problem industriell hergestellter Nahrung anzeigen, sondern auch auf die infantilen Sehgewohnheiten des heutigen Publikums aufmerksam machen“, sagte Silke Kasper.
„Aber die Skulptur ist doch von 2004“, warf Hagen leicht irritiert ein, „wieso denn das heutige Publikum?“
In diesem Augenblick wurde es Silke Kasper etwas unheimlich. Und in Augenblicken wie diesem hasste Billie Hagen. Silke Kasper dachte an ihren Sohn, auf den gerade eine sechzehnjährige Babysitterin aufpasste, da der Vater mit dem Jungen nervlich nicht fertig wurde und deshalb nach Berlin gegangen war, um dort seine Praxis zu eröffnen.
Billie sagte nur: „Na seit 2004 wird sich ja nicht so viel verändert haben.“
„Ach so“, grinste Hagen.
Silke Kasper fand das junge Paar offen gesagt zum Kotzen. Sie erinnerte sich kurz zurück, und meinte, in dem Alter der beiden hauptsächlich allein Museen besucht zu haben, ach nein, da war ja... aber sie hatte jetzt keine Zeit den Gedanken weiter zu verfolgen. Sie wollte diesen beiden jungen Leuten , so naiv und unverschämt, wie sie wirkten, etwas anderes präsentieren.
„Kommen Sie mal hier herüber zu diesem Bild, wenn Sie mögen. Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“
Zu gern hätte sie den beiden Fragen zu dem Bild gestellt, aber sie wusste aus ihrem Job, dass es besser war den Museumsbesuchern etwas zu erzählen, als sie zu befragen. Mit Fragen zur Kunst konfrontiert gibt es erfahrungsgemäß die unmöglichsten Reaktionen von Menschen - alte Weisheit des Museumspersonals auf der ganzen Welt.
„Dieses Bild zeigt einen alten Mann, der grübelnd an seinem Schreibtisch sitzt. Er hat seinen Rotwein und seine Pfeife, aber er sieht nicht glücklich aus. Er schreibt etwas mit seiner Feder, das wir nicht lesen können. Offenbar nimmt er es sehr ernst und ist hoch konzentriert darauf.“
Hagen schmunzelte. Und Billie klappte dezent die Kinnlade herunter – genau wie Silke Kaspers.
Frau Kaspers hatte allerdings nur Hagens Schmunzeln gesehen.
„Sie müssen sich vorstellen, dass dieser Mann schon sehr viel erlebt hat, mehrere Kriege als Soldat und später Politiker, und Vater von acht Kindern war“, sagte Silke Kaspers.
„Ich muss mir überhaupt nichts vorstellen, was ich mir nicht vorstellen will“, antwortete Hagen.
Jetzt schmunzelte Billie, aber es war schwer zu erkennen, warum.
„Dieser Mann war aber ein preußischer Politiker, auf den das wirklich zutrifft“, erklärte Silke Kaspers, und damit es keine neue Antwort von Hagen darauf geben konnte, setzte sie ohne Unterbrechung hinzu: „Ich zeige Ihnen noch etwas anderes.“
Gekonnt lässig schlenderte das Hipsterpaar hinter ihr her in den nächsten Raum, in dessen Mitte eine goldene tibetische Skulptur stand – eine Frau und ein Mann, sie mit vier Armen, er mit acht, mit Kronen auf den Köpfen und Ritualgegenständen in den Händen im Schneidersitz vereinigt. Billie ging langsam um die Skulptur herum und musterte sie mit großen Augen von allen Seiten. Hagen blieb jetzt still, musterte aber mehr seine Freundin als die Skulptur.
„Diese Skulptur aus dem Tibet des 14. Jahrhunderts zeigt einen Buddha mit seiner Gefährtin. Nach buddhistischer Vorstellung reichen ihre verschiedenen Arme in eine Vielzahl von Welten.“
Hagen sagte zu Billie: „Ich will jetzt rauchen gehen.“
Billie, die in jeder anderen Situation gesagt hätte, dass sie mit kommt, sagte ohne richtig zu wissen, warum, aus ihrem Gefühl heraus: „Ich möchte mir das aber jetzt anhören“, ruhig, aber bestimmt.
„Gehen Sie nur rauchen“, sagte Silke Kaspers, „Sie wissen ja sicher, wo.“
„Ich denke, Sie hätten mir auch noch das erklärt“, sagte Hagen, „aber ich weiß es“, und ging.
Silke Kaspers sagte zu Billie: „Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen noch ein Exponat. Und dann machen wir auch Schluss. Ich bin eigentlich nur zum Aufpassen hier.“
Frau Kaspers ging mit Billie zu einem fast deckenhohen Gemälde, das wohl ein adeliges Paar zeigte. Der Mann trug eine Uniform und die Frau ein prachtvolles Kleid. Daneben standen drei Kinder in nobler Kleidung, zwei Mädchen mit Kleidern und Schleifen im Haar und ein kleiner Junge, der auch eine Uniform trug, mit einem kleinen Spazierstock, dessen Knauf er stolz in der Hand hielt, das Kinn nach oben gereckt lächelnd, und zwei kleine Hunde in Anzügen mit Schleifen.
Silke Kaspers erläuterte: „Der Mann auf diesem Bild war ein großer Feldherr, der sich zeitlebens nur um Kriege kümmerte und seine Frau war meistens allein in einem riesigen Schloss voller Barockskulpturen mit unendlichen Gärten und Parks, Teehäusern und dem kompletten Drumherum.“
Silke Kaspers wahrte nicht mehr ganz die Form, und sie zögerte eine Frage zu stellen. Nicht nur würde sie das Tabu brechen, das ihr untersagt Fragen zu stellen. Sie würde auch indiskret werden und sich damit nicht zuletzt selbst eine Blöße geben.
Und dann tat sie es: „Wer von den Typen auf dem Bild ist dein Freund?“
Billie sagte nichts und fiel Silke Kaspers um den Hals und drückte sie ganz fest. Und Silke Kaspers dachte an den Vater ihres Sohnes. Und in dem hatte sie sich schwer getäuscht.