Die Weisen aus dem Morgenland – Folge 2014




Platz #113 in Humor, #6243 insgesamt
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Wie eine biblische Geschichte heutzutage ausgegangen wäre...

Es waren einmal drei gelehrte Professoren. Vielleicht waren es auch vier oder fünf oder eben nur zwei. So genau weiß das heute niemand mehr. Jedenfalls lebten diese schlauen Gelehrten im Irak und beschäftigten sich mit Astronomie, also der Beobachtung der Himmelskörper. Eines Abends, es muss so Mitte Oktober gewesen sein, machte einer dieser Gelehrten eine eigenartige Entdeckung. Er sah am Himmel ein seltsames Licht und meinte, das wäre ein neuer Stern. Als er seine Kollegen darauf aufmerksam machte, begann sogleich ein großes Rätselraten.
Zunächst glaubte man, das Licht käme doch nur von der russischen Raumstation MIR, wo sicherlich wieder einmal etwas zu ausgelassen gefeiert würde. Doch dann fiel den Professoren ein, dass es die MIR ja schon vor ungefähr 15 Jahren abgestürzt war. Die amerikanische Raumstation ISS wiederum konnte es auch nicht sein, weil man dort ja sicherlich nur Energiesparlampen verwendet und außerdem aus Angst vor terroristischen Anschlägen abends alles verdunkelt.
Also blieb im Prinzip doch nur die Vermutung übrig, es müsse sich um einen neuen Himmelskörper handeln. Nähere Beobachtungen ergaben zudem, dass sich dieses Licht ganz seltsam bewegte. Es folgte keiner üblichen Umlaufbahn. Deshalb konnte es weder ein Stern, noch eine Rakete sein. Das Licht war zudem viel langsamer als ein Komet.
 

Silvestergeschichten

Silvestergeschichten

von: Michael Voigt




Die gelehrten Männer (eine Frauenquote unter Professoren gibt es im Irak nicht) beschlossen nach eingehender Beratung, diesem seltsamen Himmelslicht zu folgen. Doch das war gar nicht so einfach. Immerhin tobten sich im Irak zu dieser Zeit gerade die verschiedensten Kriegstreiber aus:
Amerikaner beispielsweise oder auch ein paar islamistische Wirrköpfe. Jedenfalls war die Reise am Anfang ganz schön gefährlich. Als eines Tages eine amerikanische Patrouille das Grüppchen der Gelehrten aufgriff, wäre das beinahe bös ausgegangen. Iraker, die sich auf den Weg in Richtung Westen machten? Das konnten ja nur Terroristen sein. Die Gelehrten hatten alle Mühe, ihre lauteren Absichten zu versichern. Um ein Haar hätte man sie nämlich ins Foltergefängnis Abu Ghraib gesteckt...
Natürlich stellt sich jetzt so manchem die Frage, warum die Gelehrten nicht einfach in den nächsten Flieger gestiegen sind. Ganz einfach: Wie bitte will man aus einem Flugzeug heraus einen Himmelskörper beobachten und verfolgen? Soll der Pilot etwas ständig den Kurs wechseln? Nein, das geht nicht. Auch eine Reise mit dem Auto war nicht möglich. Erstens besaßen die Gelehrten so etwas nicht und zweitens gibt es im Irak nicht mehr so viel wirklich befahrbare Straßen. Unsere Professoren gingen also brav zu Fuß. Das hatte zudem den unschätzbaren Vorteil, dass man Grenzkontrollen umgehen konnte. Dort hätte man schließlich nur nach Visa und Einwanderungspapieren gefragt. Und das hätte viel Zeit gekostet, denn die dortige Bürokratie arbeitet noch langsamer als hierzulande – wenn das überhaupt möglich ist...
Der sehr, sehr lange Fußmarsch hingegen klappte eigentlich ganz gut, denn umso tiefer unser Reisegrüppchen nach Europa eindrang, umso leichter wurde es, da die Europäer aus unerfindlichen Gründen ihre Grenzen abgeschafft hatten. Eines Tages also trafen unsere weitgereisten Professoren in Deutschland ein, wo sie sich sicherheitshalber als Touristen ausgaben. Im migrationsfreundlichen Deutschland wagte es auch niemand, die Männer nach solchen Kleinigkeiten wie Ausweis oder Visum zu fragen.
Noch immer folgten die Gelehrten dem seltsamen Himmelslicht. Während ihrer langen Reise hatten sich die Männer oft darüber unterhalten, was dieses Licht bedeuten könnte. Sie kamen zu der Erkenntnis, diese Erscheinung kündige vielleicht einen neuen Herrscher an.
Ihr erster Weg in Deutschland führte die Gelehrten daher zur Landesregierung von (zensiert), denn in diesem Bundesland befand sich das Licht gerade. Die dortigen Machthaber, lauter grimmige Atheisten, glaubte jedoch nicht an überirdische Erscheinungen. Außerdem bangte der Regierungschef um seine Wiederwahl, als er hörte, dass vielleicht irgendwo ein neuer Ministerpräsident geboren wurde. Andererseits überlegte er sich, dass dieser potenzielle Konkurrent ja erst einmal alt genug werden musste, um überhaupt gewählt zu werden. Es würde also noch mindestens 18 Jahre dauern, und zu diesem Zeitpunkt wollte der derzeitige Regierungschef sowieso bereits seine fette Pension genießen. Keine Gefahr also. Sicherheitshalber setzte die Regierung aber das passive Wahlalter sogleich um 20 Jahre hoch und bat die Gelehrten über einen Dolmetscher, Bescheid zu geben, wenn sie ihr Ziel erreicht hätten.
Beobachtet von einigen inzwischen freiberuflich spionierenden Ex-Stasi-Leuten, machten sich die Gelehrten wieder auf den Weg. Allerdings schien das Licht irgendwie stehen geblieben zu sein, denn es wurde täglich größer und heller.
Die mittlerweile recht müden Gelehrten erwogen, mit der Bahn zu fahren. Allerdings streikten gerade die Lokführer, so dass sich die Männer weiterhin zu Fuß fortbewegen mussten. Überlassen wir sie nun kurz sich selbst während dieser letzten Etappe der Wanderung.
 

Gedanken an der Orgelbank

Gedanken an der Orgelbank

von: Michael Voigt




Am gleichen Abend, es war schon tiefster Dezember, entdeckten auch einige Tierwirte (früher sagte man dazu Schäfer) im Örtchen Hinterbergeswald das seltsame Licht. Sie hatten gerade Nachtschicht und langweilten sich ein wenig. Daher beschlossen sie, dieses Licht genauer zu lokalisieren. Immerhin könnte es sich ja um einen Verstoß gegen die „Örtliche Satzung zum Nachtbetrieb von lichtabgebenden Geräten“ handeln. Nach Rücksprache mit dem Betriebsrat machten sich die Tierwirte daher auf den Weg.
Sie mussten nicht allzu weit geht, denn das Licht stand über einem Stallgebäude auf dem Gelände ihrer ehemaligen LPG. Das würde sicherlich eine Disziplinarstrafe für den Übeltäter nach sich ziehen! Wie groß war aber das Erstaunen der Tierwirte, als sich in dem Stall ein junges Paar befand. Die Frau hatte offensichtlich vor kurzem entbunden. Das Neugeborene lag entgegen aller Vorschriften zur Verhütung von Tierseuchen in einer Futterkrippe.
Den Tierwirten war klar: Hier müssen wir das Jugendamt informieren! Alle zückten nahezu gleichzeitig ihre Smartphones und suchten nach einer passenden App, bis ihnen einfiel, dass um diese Uhrzeit vermutlich kein Jugendamt der Welt geöffnet hat. Also riefen die tapferen Männer der Nachtschicht bei der Polizei an. Aufgrund neuer Sparvorgaben der Landesregierung war aber ausgerechnet an diesem Abend keine Notrufstelle besetzt. Da es ihnen nun langsam zu kalt wurde, gingen die Tierwirte einfach wieder und beschlossen, den Vorfall zu vergessen.

Am nächsten Morgen, nach einer anstrengenden Nachtwanderung, trafen auch die müden, durchfrorenen und inzwischen leicht frustrierten Gelehrten am Stallgebäude ein. Das Himmelslicht über dem Stall konnten sie in der Morgendämmerung gerade noch erkennen. Glücklich, endlich am Ziel angelangt zu sein, bestaunten die Gelehrten das Neugeborene. Vielleicht hatten sie ja Recht mit ihrer Vermutung, dass das Licht einen künftigen Herrscher ankündigen sollte. Daher packten sie freudig ihre Geschenke aus und legten sie an der Krippe mit dem Kind nieder. Doch da hatten sie die Rechnung ohne die Eltern gemacht. Genervt von dieser neuerlichen Störung, untersuchten jene die Geschenke. Als sich weder eine Playstation, noch ein Smartphone und noch nicht einmal Markenklamotten für das Baby darunter befanden, ergoss sich ein bösartiger Redeschwall über die Gelehrten, welchen diese glücklicherweise nicht verstanden. Gerade wollten sie sich achselzuckend zum Ausgang begeben, als ein barbarisches Krachen ertönte.

Schwer bewaffnete Kämpfer drangen nun durch Fenster, Türen und das Dach in den Stall ein. Was war passiert? Die Ex-Stasi-Spione, die den Gelehrten heimlich gefolgt waren, hatten die Behörden informiert, dass sich mutmaßlich irakische Terroristen einer landwirtschaftlichen Einrichtung näherten. Sie trugen Geschenkpakete bei sich, die sicherlich Sprengstoff enthielten. In kürzester Zeit war daher ein „Kommando Spezialkräfte“ vor Ort, und konnte diese seltsamen Männer in Gewahrsam nehmen. Noch kurz vor Beginn des behördlichen Weihnachtsfriedens gelang es der ungewöhnlich zügig arbeitenden Einwanderungsbehörde, die Gelehrten in den Irak abzuschieben. Ruhe und Frieden herrschten nun wieder in Deutschland. Alle konnten ungestört das Weihnachtsfest genießen.

Und die Moral von der Sache: Wie gut, dass sich die Weihnachtsgeschichte nicht in unserer Zeit zugetragen hat! Das Jesuskind hätte es angesichts zahlreicher Vorschriften wohl sehr, sehr schwer gehabt, von einer durchgeknallten Menschheit als Erlöser erkannt zu werden.
 

Das Original zum Nachlesen