Kuckucksblumenjagd




Platz #16 in Umwelt & Natur, #347 insgesamt
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Kuckucksblumenjagd

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Kuckucksblumenjagd
Schon ganz früh vor dem Sonnenaufgang, ging Opa angeln. Wie oft wollte auch ich so früh aufstehen und die neue Morgensonne begrüssen. Denn Opa schwärmte immer: Fritze, das muss du mal erleben, wenn der neue Tag erwacht. Bevor die Sonne aufgeht, beginnen alle Vögel aus voller Kehle zu zwitschern. Und dann taucht wie aus einem Meer die Sonne am Horizont als roter Ball auf. Da wird es einem so warm ums Herz. Es ist als sänge es mit mit den Vögeln um die Wette. Auch ich wollte mal den prächtigen Sonnenaufgang erleben, aber immer wieder verschlief ich es. So erlebte ich nie die rote Sonne. Auch hätte ich gern gehört, wie mein Herz singt. Morgens lief ich eine Kunsthonigschnitte in der Hand, über die taunassen Wiesen, selbstverständlich barfuss. Es kitzelte so feuchtkalt an den Füssen.. Manchmal wollte ich wissen, ob die Sonne wirklich gelb ist. Mit blinzelnden Augen blickte ich ins grelle Weiss. An jedem Morgen im Mai rief es: Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Sofort rannte ich los in die Richtung, woher das Rufen ertönte, meistens von den knorigen Kopfweiden am verschilften Flussufer. Doch immer hatte ich Pech, diese blöden Kuckucksblumen, immer wenn ich sie fast erreicht hatte, flogen sie davon. So sehr ich suchte, nicht eine Einzige konnte ich entdecken. Ja sie veräppelten mich dauernd, denn mal riefen sie vom Dorf her, mal vom anderen Flussufer. Es machte mich meschugge, mir darüber den Kopf zerbrechen zu müssen, warum nur die Kuckucksblumen fliegen können, jedoch meine Radieschen, Schlüsselblumen und Löwensonnen nicht. Es ist ja auch gut so, sonst würden die mir alle auch davonfliegen. Jedoch wenn meine Löwensonnen verblüht sind, verwandeln sie sich in Pusteblumen. Wenn ich diese anblies, schwebten unzählige winzige Fallschirmmännleins in der Luft davon. Oft schlich ich mich zu Grossvaters Bücherschrank, kramte das dicke Buch mit den Kuckucksblumen hervor. Je länger ich mir die Blütenähre betrachtete, entdeckte ich, dass die vielen Blümlein am Stengel wirklich winzige Vögel waren. Ich konnte sogar die kleinen Flügel erkennen. Auch würden die ja nicht Kuckucksblumen heissen, wenn sie nicht Kuckuck rufen könnten. Oma schärfte mir ein: Fritze, wenn deine Kuckucksblumen rufen, da muss du dir etwas ganz Schönes wünschen! Ich wünschte mir einen ganzen Zentner Mohnkuchen und einen Schokoladenpudding, gross wie Omas Aufwaschschüssel, nein, lieber so gross wie Opas Misthaufen im Garten. Ich staunte auch nicht mehr, wenn danach zwar kein Schokoladenpudding, aber dafür ein gelber Vanillenpudding oder eine leckere Mohntorte mit Streifen und von Puderzucker überstäubt, auf dem Tisch stand. Es ärgerte mich immer, wenn Grossvater frotzelte: Fritze horch, der Kuckuck ruft! Dabei rief kein Kuckuck. Grossvater wollte mich nur aus der Hundehütte locken und amüsierte sich köstlich, wenn ich ihn verbesserte: Opa, das heisst nicht Kuckuck! Nein! Opa das heisst Kuckucksblumen! Von der Kuckucksblumen-Sucherei enttäucht, suchte ich um so eifriger vierblättrigen Glücksklee. Oft suchte ich eine ganze Woche lang vergebens, viele Wiesen ab. An manchen Tagen fande ich drei, sogar vier Stück. Einige verfütterte ich an die Osterhasen, damit diese glücklich wurden. Alle anderen legte ich in Grossvaters Bücher und presste sie. So gab es im Schrank nur noch glückliche Bücher.
 




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