Martin Abraham

Bücher

Nasreen Munni Kabir: „Bollywood. The Indian Cinema Story“

Es gibt inzwischen eine Menge Bücher über Bollywood, über die hindisprachige Filmindustrie aus Mumbai/Bombay. Manche wurden zur Hochzeit der westlichen Bollywood-Begeisterung einfach schnell auf den Markt geworfen, andere sind eher akademisch und nicht populär genug. Das englischsprachige Buch „Bollywood. The Indian Cinema Story“ von Nasreen Munni Kabir ist schon von 2001, stellt aber immer noch die beste Einführung in die Welt des Bollywood-Films dar. Es ist auf knappem Raum äußerst informativ und flott und gut geschrieben. Es beinhaltet eine Menge interessanter Zitate von wichtigen Bollywood-Persönlichkeiten wie Karan Johar, Shahrukh Khan oder Amitabh Bachchan. Letzterer hat sogar das Vorwort beigetragen. Diese Zitate stammen aus einer von der Autorin hergestellten Fernsehserie über Bollywood.

Nasreen Munni Kabir: „Bollywood. The Indian Cinema Story“
Nasreen Munni Kabir: „Bollywood. The Indian Cinema Story“

Freude an Bollywood vermitteln

Das Buch verbindet die chronologische Filmgeschichte mit der Betrachtung einzelner Themen und ihrer Entwicklung in den letzten hundert Jahren. Alles wird so übersichtlich wie möglich dargestellt, damit auch derjenige, der nur neuere Filme kennt, nicht den Überblick verliert angesichts der vielen Namen. Ein weiterer besonderer Verdienst, neben ihren profunden Kenntnissen, ist die Freude, die Nasreen Munni Kabir am Bollywood-Kino hat, und die sie durch ihr Schreiben an den Leser weitergibt. Und selbst Bollywood-Kenner werden den einen oder anderen Film finden, den es noch zu entdecken lohnt.

Inhalt: Vom Helden bis zur Choreographin

Das erste und das letzte Kapitel sind allgemeiner Art. Es geht um die prinzipielle Entwicklung des Bollywood-Films und dem Wandel seiner Rolle in der indischen Gesellschaft, wobei es eine große Kluft zwischen Dorf und Stadt gibt, die man nie vergessen darf. Es geht um formelhafte, immer wiederkehrende Standardthemen in den Filmen oder die Konkurrenz durch andere Medien und Hollywood, was aber an der Beliebtheit des indischen Films bisher nichts ändern konnte. Und das ist auch in den letzten 12 Jahren so geblieben.
Dann geht es natürlich um den Helden und die Heldin. Zur Heldin muss man leider feststellen, dass, trotz all der schönen und starken Frauen, das Bollywood-Kino doch vornehmlich ein Männer- und Helden-Kino ist: Der Held, der besonders in den letzten Jahrzehnten göttergleiche, perfekte Eigenschaften haben muss. Und der Held muss natürlich am Schluss den Bösen verprügeln, am besten in einer langen, sehr langen Szene. Denn auch das lehrt uns das Buch: Indische Zuschauer würden es nie akzeptieren, dass der Böse lakonisch mit einem Schlag niedergeprügelt wird. Das weibliche Gegenstück zum männlichen Bösen ist der Vamp, der aber auch ein Herz aus Gold haben kann, sich aber dann für den Helden opfern muss.
Zwei Kapitel sind den großen Regisseuren gewidmet, die es geschafft haben, in einer kommerziellen Umgebung eine persönliche und künstlerische Handschrift zu haben. Die beste Zeit des indischen Films liegt in der Zeit von den 40ern bis zu den frühen 60ern. Interessanterweise kann man sagen, dass der Übergang vom Farb- zum Schwarzweißfilm einen Bruch darstellt. Der Farbfilm bedeutete ein Ende der Poesie im indischen Kino. Jetzt kamen knallige Farben und Glamour.
Und drei Kapitel sind dem gewidmet, ohne das kaum ein Bollywood-Film, der Erfolg haben will, auskommen kann: Die Lieder, zu denen (seit Mitte der 30er etwa) die Schauspieler Playback singen. Viele Schauspieler sind untrennbar mit einem bestimmten Sänger verbunden. Als der Sänger Mukesh starb, sagte der große Schauspieler und Regisseur Raj Kapoor, seine Seele sei gestorben. Aber es werden auch die großen Komponisten des klassischen Kinos, die Texter in ihrer oft etwas undankbaren Rolle und zum Schluss die Choreographen erwähnt. Denn im Gegensatz zum klassischen Bollywood-Kino ist heutzutage der Tanz das Entscheidende. Die Musik muss tanzbar sein, Tempo haben. Auch hier hat Poesie wenig Platz.

Das bedeutet aber nicht, dass die Filme von heute schlechter sein müssen, sie sind bloß anders. Ein schönes Beispiel sind die Filme des Ende letzten Jahres verstorbenen Yash Chopra, der den Glamour in Bollywood zur Perfektion brachte. Sein letzter, sehr schöner Film war noch einmal mit Shahrukh Khan.