Populäre Irrtümer zum Thema Geschichte




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Der Bauernkrieg war ein Aufstand der Armen, Luther wollte den Ablasshandel abschaffen, und das Römische Reich wurde von den Germanen erobert. Stimmt’s? Halbwahrheiten wie diese geistern immer noch durch die Köpfe unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft. Ein Streifzug durch die populären Irrtümer unseres Allgemeinwissens zur Historie.

Eine zinnenbewehrte Burg, farbenprächtige Kostüme, Gaukler und an jeder Ecke nerviges Gedudel angeblich historischer Instrumente: Wahrscheinlich nirgendwo sonst ist unser Geschichtsbild größeren Gefahren ausgesetzt, als bei Mittelalterspektakeln. Von Ostern bis in den Herbst hinein bevölkern Schausteller und Händler Burgen, Schlösser oder historische Innenstädte. Galt das Mittelalter früher als finsteres Zeitalter, so vermitteln heutige Feste (trotz mancher Detailgenauigkeit) eher den Eindruck, das Mittelalter sei eine endlose Party mit Einkaufsmöglichkeit gewesen. Kein Wunder also, dass nur wenige Zeitgenossen noch einschätzen können, auf welche Weise ihre Vorfahren tatsächlich gelebt haben.

Von Erdscheiben und Hexenfeuern

Gerade das Mittelalter bietet viel Gelegenheit für Legenden und Halbwahrheiten. Nicht totzukriegen ist beispielsweise folgende Idee: Vor Kolumbus glaubte man, die Erde sei eine Scheibe. Vielleicht gab es ja vereinzelt tatsächlich ein paar Einfaltspinsel, aber im Allgemeinen konnten die Menschen auch damals schon logisch denken. Ihnen fiel deshalb auf, dass Kirchtürme, Schiffssegel und andere Erhebungen von weitem stets zuerst sichtbar wurden. Daraus schlussfolgerten sie, dass die Erdoberfläche rund ist.
Nicht weniger undifferenziert ist die kursierende Behauptung, die Kirche hätte ganz gern mal flächendeckend Ketzer und Hexen verbrannt. Diese oft auch als Religionskritik missbrauchte Ansicht erweckt bisweilen den Eindruck, das ganze Mittelalter hindurch hätten europaweit täglich Hexenfeuer gelodert. Für Folterknechte und Henker herrschte demnach Hochkonjunktur. Abgesehen davon, das solche Dinge erst in der frühen Neuzeit ausuferten und die damalige Bevölkerungsdichte gar keine solcheVernichtungswelle ermöglichte, waren Folter, Hexenverbrennung und Ketzerjagd keineswegs ein religiöses, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Phänomen.
 

Amerikanische Irrtümer

Doch auch hinsichtlich der so genannten Neuen Welt bildeten sich schnell Mythen heraus. Dazu gehören dank unzähliger Filme reitende und saufende Cowboys, idyllische Planwagen-Trecks sowie kunstvoll gestaltete Saloons, vor denen regelmäßig Pistolenduelle stattfanden. Auch die falsche Behauptung, dass Kolumbus der erste Entdecker Amerikas sei, ist ein Klassiker.
Wenig bekannt dürfte zudem auch sein, dass das Skalpieren ursprünglich keineswegs ein indianischer Brauch war, sondern erst von westlichen Eroberern eingeführt wurde. Klargestellt sei hier außerdem: Entgegen aller heutigen Selbstbeweihräucherung der USA wurde der amerikanische Bürgerkrieg nicht um die Abschaffung der Sklaverei geführt. Vielmehr gab es wirtschaftliche Differenzen zwischen dem industrialisierten Norden und der durch Sklaverei auf billig getrimmten Landwirtschaft der Südstaaten. Die wirkliche Gleichberechtigung der Schwarzen hingegen ließ noch einmal rund ein Jahrhundert auf sich warten. Wie so viele Kriege wurde also auch der Amerikanische Bürgerkrieg vor allem aus ökonomischen Interessen heraus geführt.
 

Irrtümer über Adolf und Konsorten

An ihm kommt niemand vorbei: Der dämagogische Österreicher mit dem markanten Bärtchen begegnet uns immer wieder in unzähligen Fernsehbeiträgen und Stammtisch-Diskussionen. Seine Bewunderer und geistigen Nachfolger streichen heute immer noch seine angeblichen Verdienste heraus: Autobahnbau und Wirtschaftsaufschwung. Tatsächlich jedoch gab es bereits vor Hitler die erste Autobahn. Der Reichskanzler führte diese Idee lediglich konsequent fort, um seine Armeen schneller in alle Himmelsrichtungen zu transportieren. Auch der damit einhergehende Wirtschaftsaufschwung war ein faules Ei. Zum Einen erholte sich die Wirtschaft nach der Krise 1929/30 bereits von selbst wieder. Zum anderen waren Hitlers Konjunkturprogramme durchweg auf Pump finanziert. Von vornherein sollten diese Ausgaben durch die späteren Eroberungen kompensiert werden. Die Enteignung der Privatwirtschaft tat ein Übriges. Beide Maßnahmen wandten übrigens auch die Kommunisten vor, während und nach Hitler an. Darüber sollten Adolfs heutige Bewunderer einmal intensiv nachdenken...
Nationalistische Hohlköpfe glaubten außerdem zu allen Zeiten, Arier seien nordische Typen: Groß, stark, gesund, blond und blauäugig. Abgesehen davon, dass dies auf Obernazis wie Hitler, Goebbels, Himmler und Göring nicht zutraf, war und ist diese Definition schlichtweg falsch. Als arisch gilt eine bestimmte indoeuropäische Sprachgruppe. Im Dritten Reich waren daher die einzigen wirklichen Arier ausgerechnet die verfolgten Roma.
Doch auch die Gegner der rechten Ideologie irren sich gelegentlich im Bezug auf den „Führer“. Immer mal wieder macht das Gerücht die Runde, Hitler sei selbst Jude gewesen. Richtig ist: Hitlers Mutter war bei einem jüdischen Arzt in Behandlung (der ihr übrigens zu einer Abtreibung geraten haben soll). Alle anderen Bezüge zwischen Hitlers Herkunft und dem Judentum resultieren lediglich aus der etwas wirren Familiengeschichte. Eine leibliche Verwandtschaft Hitlers zur jüdischen Bevölkerung jedenfalls gab es nicht.

Botschaft der Vergangenheit

Botschaft der Vergangenheit

von: Michael Voigt, Özge Boya




Wer hat was wirklich gesagt?

Er gilt im Kollektivgedächtnis als standhafter Wissenschaftler gegenüber der Inquisition: Galileo Gallilei (1564-1642). Tatsächlich jedoch wurde der Italiener wahrscheinlich nie ernsthaft mit Folter und Hinrichtung konfrontiert. Im Gegenteil: Anfangs förderte die katholische Kirche den Gelehrten sogar. Erst neun Jahre vor seinem Tod wurde er vor ein Inquisitionsgericht gerufen, weil er sein Weltbild als einzig richtig bezeichnete. In der Folge stand Gallilei unter Hausarrest, durfte jedoch weiterforschen. Zu diesem Zeitpunkt war das heliozentrische Weltbild in Europa jedoch bereits seit rund einem Jahrhundert bekannt. Es mag eine schöne Legende sein, doch mit einiger Wahrscheinlichkeit hat Gallilei daher auf dem Sterbebett nicht gesagt: „Und sie bewegt sich doch!“.
Ein ähnlich heroischer Ausspruch wird gern Luther zugeschrieben: „Hier stehe ich – ich kann nicht anders, Gott helfe mir“, soll er 1521 auf dem Wormser Reichstag angesichts der geistlichen und weltlichen Würdenträger gesagt haben. Ganz so kühn und filmreif war die Sache dann doch nicht. Die entsprechende Passage in Luthers Rede erinnert nur sehr entfernt und sinngemäß an den berühmten Ausspruch. Sie lautet: Deshalb kann und will ich nichts widerrufen,..., Gott helfe mir, Amen.“
Weniger heldenhaft werden hingegen zwei Politiker der jüngeren, deutschen Geschichte zitiert:
Mit viel Häme erinnert so mancher Stammtisch-Politiker daran, dass Helmut Kohl den Neuen Bundesländern blühende Landschaften versprochen habe. Unterschlagen wird dabei allerdings meist, dass Kanzler Kohl diese Vision im gleichen Satz an entsprechende, gemeinsame Anstrengungen koppelte.
Nicht weniger missverstanden wurde und wird Kohls ehemaliger Arbeitsminister Norbert Blüm. Der hatte 1986 den plakativen Slogan „Denn eins ist sicher: Die Rente.“ veröffentlicht. Seitdem wird Blüm immer wieder unter dem Schlagwort „Die Rente ist sicher“ zitiert, sobald Diskussionen zu diesem Thema aufkommen. Die Polemiker, Frustrierten und Berufsdemonstranten der Republik geben sich dabei allerdings einer sehr einseitigen Sichtweise hin. Im sachlichen Zusammenhang bezog sich dieser berühmte Slogan nämlich nicht auf die Höhe der Rente, sondern auf das deutsche Rentensystem selbst. Aber das passt natürlich nicht so richtig in Kabarettprogramme und Oppositionsreden...
 

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Gedanken an der Orgelbank

Gedanken an der Orgelbank

von: Michael Voigt