Regina Jonas oder Asenath Barzani - wer war die erste Rabbinerin?




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Die Frage nach der ersten Rabbinerin wird sowohl mit Regina Jonas als auch mit Asenath Barzani beantwortet. Wer waren diese beiden Frauen und was ist eigentlich die Aufgabe einer Rabbinerin oder eines Rabbiners?

Die Aufgaben de Rabbinerin oder des Rabbiners
In der Wahrnehmung vieler christlicher Mitbürgerinnen und Mitbürger ist die Rabbinerin oder der Rabbiner eine Art jüdische Pfarrerin oder jüdischer Pfarrer. Auch wenn seelsorgerische Aufgaben durchaus mit zum Tätigkeitsfeld einer Rabbinerin oder eines Rabbiners gehören, ist diese Auffassung nicht korrekt. Rabbinerinnen und Rabbiner leiten gewöhnlich den jüdischen G-ttesdienst nicht, diese Aufgabe wird von der Kantorin oder dem Kantor durchgeführt. Moderne Rabbinerinnen und Rabbiner lernen aber im Studium durchaus auch die Leitung von G-ttesdiensten, zumal sich nicht jede Gemeinde sowohl eine/n Kantor/in als auch eine/n Rabbiner/in leisten kann. Selbst die Predigt, welche in vielen Gemeinden ihren Platz nicht im eigentlichen Gebet, sondern beim Kiddusch hat, ist nicht dem Rabbiner/der Rabbinerin vorbehalten; sie gehört sogar in den meisten Gemeinden explizit als Auslegung eines Torah-Abschnittes zu den Aufgaben des Bar-Mitzwah-Jungen oder des Bat-Mitzwah-Mädchens. Auch das Gebet kann eigentlich jede Jüdin und jeder Jude leiten, welche/r dazu in der Lage ist. Das Leiten von Gebeten durch dazu ausgebildete Menschen ist natürlich sinnvoll, damit es möglichst schön erfolgt. Die tatsächlich der Rabbinerin oder dem Rabbiner vorbehaltene Aufgabe ist die Teilnahme am Rabbinatsgericht sowie das Treffen halachischer Entscheidungen für andere. Rabbinerinnen und Rabbiner sind Richter im religiösen Sinne sowie Gelehrte hinsichtlich der Tora und der jüdischen Tradition.

Regina Jonas
Regina Jonas wurde  1902 in Berlin geboren und 1942 in Auschwitz-Birkenau ermordet. Sie wurde 1935 zur Rabbinerin ordiniert, nachdem sie bereits 1930 ihre Abschlussprüfung an der Hochschule des Judentums erfolgreich abgeschlossen hatte. Der ungewöhnlich lange Zeitraum zwischen der Abschlussprüfung und der Ordination sowie das zunächst ausgestellte Zeugnis als Religionslehrerin belegen, dass es um ihre Ordination zunächst Meinungsverschiedenheiten gab. Die Abschlussarbeit schrieb Regina Jonas über die Frage, ob eine Frau das rabbinische Amt bekleiden kann. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin akzeptierte zwar ihre Ordination und setzte sie für das Abhalten religiöser Feiern ein. In Berlin waren damals bereits Predigten während des G-ttesdienstes üblich, diese durfte Regina Jonas nicht halten. Im Jahr 1942 überprüfte die Gemeinde die Verwendung der Rabbinerin, einige Anhaltspunkte wie die Anforderung einer Beglaubigung ihres Rabbinerdiplomes weisen darauf hin, dass sie als vollwertige Rabbinerin eingesetzt werden sollte. Dieser Einsatz konnte jedoch nicht mehr erfolgen, da Regina Jonas nach Theresiestadt verschleppt wurde. In Theresienstadt hielt Regina Jonas Vorträge zu jüdischen Themen, von welchen die Titel erhalten wurden. Regina Jonas wurde von Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau verbracht und dort ermordet. Rabbinerin Regina Jonas war trotz ihres Amtes und ihres Studienortes nicht dem liberalen Judentum verbunden. Nicht zuletzt vertrat sie die Auffassung, dass Frauen und Männer in der Synagoge weiterhin getrennt sitzen sollten.

Asenath Barzani
Asenath Barzani lebte von 1590 bis 1670 in Mosul (Kurdistan, heute im Irak liegend). Sie war die Tochter eines bekannten Rabbis und Leiters einer Jeschiwa (Ausbildungsstätte für Rabbiner und andere an der Halacha und der jüdischen Tradition interessierte Juden). Es ist eindeutig belegt, dass Asenath Barzani nach dem Tod ihres Vaters die Leitung der Schule übernahm und mit dem Titel Tanna'it ausgezeichnet wurde. Ebenso ist belegt, dass sie als Lehrerin in der Jeschiwa tätig war und von ihren Schülern anerkannt wurde. Asenath Barzani war eine herausragende Toragelehrte und eine hervorragende Kennerin der Kabbala. Sie heiratete einen Toragelehrten und hatte mit ihm mindestens einen Sohn. Eine bekannte Geschichte über Asenath Barzani berichtet, dass sie einmal ihre Gemeinde motivierte, Rosch Chodesch (das Neumondfest) im Freien zu feiern. Bei diesem Fest zündeten Feinde der kurdischen Juden die Synagoge an, welche jedoch von Engeln gelöscht wurde, so dass keine Tora-Rolle zu Schaden kam; die Gemeindemitglieder befanden sich ohnehin sicher vor der Synagoge. Nach ihrem Tod besuchten viele Jüdinnen und Juden das Grab von Asenath Barzani in Amediye.

Wer war die erste Rabbinerin?
Asenath Barzani wurde als Tanna'it bezeichnet. Diese Bezeichnung ist ein rabbinischer Titel, aber nicht mit dem Titel Rabbiner identisch. Da auch ihr Vater als solcher und nicht als Rabbiner bezeichnet wurde, ist es naheliegend, dass im Kurdistan des sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert Rabbiner üblicherweise als Tannaim (Tanna'it ist die weibliche Form) bezeichnet wurden. Somit ist es wahrscheinlich, dass Asenath Barzani die erste Rabbinerin war, während Regina Jonas die erste Frau ist, die mit absoluter Sicherheit als Rabbinerin bezeichnet wurde.

 

Ein Link zu einem interessanten englischsprachigen Text über Asenath Barzanai

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