Valentinstag




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Bronx, New York, den 25. Oktober 1994

Unser liebster Christopher,
Du weißt, dass ich gewöhnlich in Gedanken mit dir spreche, in dieser stillen, privaten Sprache, angesiedelt zwischen Imagination und Gebet. Dieses Mal ist es notwendig, Dir einen Brief zu schreiben.
Chris, zunächst möchte ich dir mitteilen, wie sehr ich dich vermisse. All deine Genossen hier im Studio vermissen Dich. Wir vermissen die Schönheit deiner Arbeit. Ganz besonders vermissen wir Dein Lachen. In vielfältiger Weise bist du immer noch hier bei uns. Es fällt schwer zu glauben, dass Du nicht eines baldigen Tages plötzlich an der Tür stehen und die Liebe einfordern wirst, die Du im Alter von fünfzehn Jahren zurückgelassen hast.
Über zwei Jahre lang hab ich es vermieden, Dir zu berichten, was geschah, wie es dazu kam, dass Du uns verlassen hast. Ich bete darum, dass jegliches Begriffsvermögen für den Terror der Ereignisse in Deinen letzten Augenblicken erstorben war durch die gnadenvolle Kälte absoluter Angst.
Es war kurz nach Mitternacht, in den frühen Morgenstunden des Valentinstages 1992, kannst Du Dich erinnern? Du kehrtest gerade zurück vom Besuch bei Deiner ersten wirklichen Freundin, die in der selben Straße ein Stück weiter runter wohnte. Du schenktest ihr eine große rote Karte in Herzform und einen kleinen Spielzeug-Teddybär.
Du warst immer so vergesslich, Chris, und in dieser Nacht hattest Du wieder einmal die Schlüssel für die Wohnung Deiner Familie im 3. Stock eines Wohnprojekts an der Prospect Avenue vergessen. Du klopftest. Deine Mutter muss jedoch geschlafen haben. Da Du sie nicht wecken wolltest, gingst Du runter, um darauf zu warten, dass Dein älterer Bruder Juan von der Arbeit zurückkehrte. Wie gewöhnlich war das Türschloss der Haustür kaputt, und jeder konnte nach Belieben rein- oder rausgehen.
Du warst alleine, als vier Männer mit Kapuzen über den Köpfen die Eingangshalle betraten. Diese Männer drückten Dir eine Pistole in den Rücken und zerrten Dich rauf zu einer Wohnung im sechsten Stock. In der Wohnung befanden sich drei Mädchen, an die zwanzig Jahre alt, eine schon ältere, an ihren Rollstuhl gefesselte Mutter und im Zimmer nebenan schlief ein 17 Jahre alter Junge, der in der Nachbarschaft für seine kleinen Drogengeschäfte bekannt war. Die vier mit Kapuzen bekleideten Männer forderten Euch alle auf, Euch mit dem Gesicht nach unten in einer Reihe auf den Wohnzimmerboden zu legen. Der schlafende Junge – auf ihn zielte eigentlich diese ganze Aktion – wurde zuerst mit mehreren Schüssen ins Gesicht getötet. Dann exekutierte derselbe Täter mit Hilfe seiner drei Begleiter Euch übrigen mit jeweils einem Schuss in den Hinterkopf.
Sicher hat jemand die Schüsse gehört und die Mörder beim Verlassen des Gebäudes gesehen, dennoch alarmierte niemand die Polizei. Dein Leichnam wurde erst am Morgen entdeckt, als jemand die offene Wohnungstür und den seltsamen Geruch bemerkte und endlich in die Wohnung schaute.
Innerhalb weniger Stunden war die Haustür mit einem neuen Schloss versehen und die Eingangshalle wimmelte von Polizisten, neugierigen und auch entsetzten Reportern. Die Fotografen schafften es rechtzeitig für die Fernsehnachrichten am Abend und die Zeitungen am nächsten Tag, Bilder von Deinem Körper zu machen, ausgestreckt auf dem blutgetränkten Teppich. Ich erkannte deine Turnschuhe. Sie brachten auch viele Fotos mit dem verquollenen Gesicht Deiner Mutter, tränenüberströmt und von Schmerz verzerrt. Die Schlagzeilen überall: „Massaker am Valentinstag!“
Ich war in London und arbeitete an einer Ausstellung, die wir für das folgende Jahr planten. Am Abend als Du ermordet wurdest – da wusste ich noch nichts – war ich Gast bei einem Abendessen in einem schicken und teuren Chinarestaurant. Als ich einigen Leuten am Tisch vorgestellt wurde, wandte sich das Gespräch meinem Unterricht in der Süd Bronx zu. Jemand schrie auf: „Oh Gott, haben sie schon von dem schrecklichen Massaker am Valentinstag, gestern in der Prospect Avenue gehört? Sechs Menschen wurden in einer Wohnung erschossen. Drogenhändler, glaub ich.“ Verärgert über die typische Erwähnung unserer Nachbarschaft als Ort unglaublicher Barbarei und Verbrechen entgegnete ich, „...wenn so viele Personen an einem Ort zur selben ermordet wurden, handelte es sich vermutlich um Drogenhändler, und die haben es vermutlich herausgefordert.“
Bei meiner Rückkehr ins Hotel erhielt ich die Nachricht von K.O.S., ich solle sofort anrufen. Dringend.
Bei dem überstürzten Rückflug am nächsten Morgen befand ich mich immer nich in einem Zustand gemischt aus Panik, Schmerz und Unglauben. An Bord wurde der letzte Mohikaner gezeigt. Ich schaute zu, ohne den Ton zu hören, und nach einigen Minuten begann das unvermeidliche Morden. Während die anderen Passagiere an Bord sich fesseln fesseln ließen und gründlich unterhalten zu sein schienen, begann ich zu zittern und dann völlig unkontrolliert zu heulen, vergrub mein Gesicht im schwammartigen kleinen Kopfkissen der Fluggesellschaft, um das Schluchzen zu dämpfen. Ich weinte die ganze Rückreise über, ein Flug durch einen Albtraum.
Als ich endlich in unserem Studio an der Barretto Straße eintraf, wimmelte es dort von Reportern und Fernsehteams. Alle Deine Zeichnungen und Gemälde, Christopher, lagen zum Filmen ausgebreitet auf dem Boden. Fremde Leute hantierten mit Fotos von Dir und betrachteten sie. Carlos, Rick und Victor, die Armen, verhielten sich so höflich und verantwortungsbewusst. Sie sahen erschöpft, aber ruhig aus. Sofort fielen wir uns in die Arme und weinten, während die Fernsehteams und aufnahmen. Das Telefon stand nicht still, andere Zeitungen, Magazine und Fernsehjournalisten verlangten Interviews, Fotos und Filme für ihre Berichte über Deine Ermordung. Während all der endlosen, schrecklichen Tage, die folgten, während der zwei Abende in der Leichenhalle, während des Trauergottesdienstes und sogar beim Begräbnis waren die Fotografen auf der Jagd, den Schmerz derjenigen einzufangen und zu verkaufen, die Dich liebten und um Dich trauerten.
Chris, mir ist klar geworden, dass Du zweimal Opfer von Gewaltakten wurdest, als man Dich ermordete. Zuerst war da dieser sinnlose physische Angriff, den Du erleiden musstest, als Dir das Leben durch ein mörderisches Individuum genommen wurde. Die zweite Form der Gewalt ist subtiler und bösartiger.
Chris, als Du noch am Leben warst, aufgeweckt und produktiv, konnten all diese Journalisten und ihr Publikum nicht das geringste Interesse Dich, Deine Familie oder Deine Gruppe aufbringen. Dein schrecklicher Tod verwandelte Dich von einem menschlichen Wesen in eine Story, die ungefähr eine Woche faszinierte und sich verkaufen ließ. Gewalt und der aus ihr resultierende Verlust werden für jenen Markt drastisch überhöht, der allezeit bereit ist, für diese beruhigende, Nacht für Nacht mit Begeisterung verkündete Nachricht zu bezahlen: „Es war schrecklich, aber Sie hat es nicht erwischt.“
Martin Luther King jr. Hatte recht: „Es ist Mitternacht in der Sozialordnung.“ Wir sind Vampire. Blut macht uns glücklich. Wir leben in einer Zeit, da man Leben und Heiterkeit und sogar Ekstase aus dem schreclichen Tod anderer bezieht. Von den Schlachtfeldern bis in unsere Straßen, von den Kinoleinwänden bis in unsere Wohnungen wird diese reiche Ernte an Gewalt hervorgebracht, angeleitet und als Narkotikum verkauft von jenen, die Profit aus den Verbrechen dieser Todeskultur schlagen. Das Drehbuch für deinen Tod, Chris, wurde von der Figur Deines Mörders verfasst. Das gleiche Drehbuch wurde aber auch in Hollywood geschrieben.
Chris, Du fragst dich vielleicht, warum Dein Tod so besondere Aufmerksamkeit hervorrief. Selbst die grässlichsten und sensationellsten Berichte über gaben das Verbrechen gaben deinem Tod aufgrund Deines Alters, der Kunst, die Du machtest, und der Würde Deines kurzen Lebens den Anschein der tragischste zu sein. Traurigerweise gingen die anderen fünf Opfer sofort in der Statistik unter – bloße Namen -, als ob sie gar nicht zählten. In der Kunst besaßt Du eine mächtigere Identität. Einfach nur weil du Dinge schufst, lebst Du als konkrete Erscheinung und Lebenskraft in der Welt fort. Es ist ein Wunder. Du hast überlebt.
Dein Mörder verbüßt jetzt eine sechsmal lebenslange Haft. Als Vergeltung für den Mord an dem 17-jährigen Drogendealer wurde seine Frau umgebracht. Sie lassen einen sechsmonatigen Sohn zurück, der bestimmt einer schwierigen und unsicheren Zukunft entgegensieht. Deine Familie und Freunde leben weiter – verzweifelt. Die Journalisten und Filmteams sind weitergezogen auf der Suche nach frischem Blut. Es ist vorbei.
Gewalt ist das erbärmlichste Werk der Ungeliebten. Christopher, diese Welt konnte Dich nur einmal töten. An Deinem Beispiel wird offenbar, dass Gewalt Schäden anrichtet, dass sie aber niemals die Kunst zunichte machen kann. Denn Kunst ist unsere Bestimmung, unsere großartige und schöne Macht. Kunst ist materialisierte Hoffnung. Kunst ist unsere unbesiegbare Selbstbestätigung. Kunst bringt uns den Sieg.
Auf Wiedersehen im Himmel
In Liebe
Tim
 

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