Weihnachtsmarkt der Liebe




Platz #21 in Religion, #1198 insgesamt
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Eine alternative Idee für das jährliche Krippenspiel in der Kirche.

Silvestergeschichten

Silvestergeschichten

von: Michael Voigt




Prolog

Spielerin 1 sitzt mitten im Raum, liest eine Zeitung und beginnt nach einer Weile einen an alle gerichteten Monolog:

Spielerin 1: Wissen Sie, mit der Liebe ist das so eine Sache. Sie kommt, sie geht, und manchmal kommt sie erst gar nicht. Okay, dann braucht sie wenigstens nicht wieder zu gehen...
Aber zurück zum Thema: Liebe ist manchmal schon eine recht seltene Angelegenheit. Also ich zum Beispiel suche schon ziemlich lange nach Liebe. Bisher leider vergeblich.
Ich habe kürzlich sogar in diesem Käseblatt hier (hält die Zeitung hoch) eine Annonce geschaltet. Weil so etwas ganz schön teuer ist, habe ich kurz und bündig geschrieben: Suche Liebe!
Nun raten Sie mal, welche Antworten ich darauf bekommen habe! (hält einen Briefbogen nach dem anderen hoch und lässt ihn fallen)

„Entdecken Sie für nur 99 Euro das fernöstliche Mantra der Liebe!“

„Älterer Herr mit Vermögen sucht aufgeschlossene junge Dame...“ (schüttelt sich angewidert)

Brrr!!!
Na ja. Und so weiter. Aber vorhin ist mir ein genialer Gedanke gekommen. Weihnachten ist doch das Fest der Liebe. Und alles, was man für Weihnachten braucht, gibt es doch auf dem Weihnachtsmarkt. Oder nicht?
Ich mache mich jetzt einfach mal auf den Weg. Irgendwo wird die Liebe schon zu finden sein...
 

Szene 1: Auf dem Weihnachtsmarkt

Spielerin 1 schlendert über einen Weihnachtsmarkt. Im Hintergrund ist schmalzige Weihnachtsmusik zu hören. Zuerst betritt sie ein Geschäft mit Luxusartikeln.

Spielerin 2: Guten Tag, die Dame. Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas Bestimmtes?

Spielerin 1: Oh, ja, hallo. Tatsächlich. Ich bin auf der Suche nach Liebe.

Spielerin 2: Na, da sind Sie bei mir doch genau richtig! Sie meinen das neue Parfum von Charles Gorolfier?! „Liebe“ gibt es in drei verschiedenen Nuancen: Dezent, Medium und Tres fort. Ich habe hier mal von jedem eine Probe...

Spielerin 1 (unterbricht): Nein, nein. Sie missverstehen mich. Ich suche nach dem Geschenk der Liebe!

Spielerin 2: Aaaach so! Jetzt ist mir alles klar. Sie wollen ein besonderes Geschenk. Nun, wie wäre es mit etwas hübschem aus unserer Schmuck-Kollektion. Für wen soll es denn sein? Bevorzugen Sie Gold, Silber oder doch lieber Edelstein? Ich hätte da hier ein ganz exquisites Stück....

Spielerin 1 (unterbricht wieder, diesmal etwas heftiger): Nein! Ich will einfach nur wissen, wo man Liebe kaufen kann!

Spielerin 2 (empört): Jetzt werden Sie aber nicht unverschämt! Wir sind ein anständiges Unternehmen! Unten im Hafenviertel gibt es vielleicht eher, was Sie suchen... Und jetzt gehen Sie bitte. (wendet sich hochnäsig ab)

Spielerin 1 läuft weiter und kommt schließlich zu einem Stand voller Backwaren. Ein Werbeschild verkündet: „Mit Liebe gebacken!“

Spielerin 1 (erfreut): Oh, super!

Spielerin 3: Guten Tag. Sie wünschen, bitte?

Spielerin 1: Ich habe eben gelesen, dass Sie zum Backen Liebe verwenden. Ich hätte gern eine große Tüte davon!

Spielerin 3 (leicht befremdet): Äh..., ja..., also, da haben Sie wohl was missverstanden. Aber lassen Sie mich mal überlegen. (Lächelt falsch, so, als wäre Spielerin 1 nicht ganz richtig im Kopf und redet dann mit ihr wie mit einem Kleinkind) Wie wäre es denn zum Beispiel mit einem wunderschönen, gaaaaaaanz tollen Lebkuchenherz?! Da steht sogar was von Liebe drauf. Sehen Sie? Toll, nicht wahr?!

Spielerin 1 (verwirrt): Na, ja. Vielleicht sollte ich doch noch ein bisschen weiter suchen. Auf jeden Fall erst mal vielen Dank.... (verlässt fluchtartig den Stand und betritt einen Elektronik-Markt)


Spieler 1: Hi und Hallo. Was kann ich für dich tun? Oh, Moment, warte, ich weiß. Du willst dir bestimmt die neueste Scheibe von MC Bombastic reinziehen, yeah.

Spielerin 1 (vorsichtig): Äh, nein. Ich bin eigentlich auf der Suche nach,...äh, Liebe.

Spieler 1 (seufzt enttäuscht): Okay! Die Volksmusik-Abteilung befindet sich da hinten.

Spielerin 1: Wie bist du denn drauf? Ich will keine CD....

Spieler 1 (lächelt wissend): Ah, jetzt versteh ich. Du suchst ein Computerspiel. Na, dann komm mal mit. Wofür soll es denn sein? X-Box, Wii oder doch lieber die gute, alte Playstation?

Spielerin 1 (ruft genervt und ungeduldig): Mann, begreift denn das keiner?! Ich suche einfach nur echte, wahre Liebe.

Spieler 1 (nun ganz ernst und geschäftsmäßig): Also damit kann ich nun wirklich nicht dienen. Moment, ich schau noch mal im Katalog nach... (blättert eine Weile) Nein, wir haben alles Mögliche: Videospiele, Handys, Computer, Musik, Kameras, lange Arbeitszeiten und niedrige Löhne, äh, ich meinte natürlich lange Öffnungszeiten und niedrige Preise... Nein, aber Liebe finde ich hier nirgendwo. Tut mir Leid!

Kulisse umbauen für Szenen 2 und 3,

weihnachtliche Kirchenlieder erklingen leise im Hintergrund
 

Szene 2: In der Kirche

Pfarrer: Guten Tag, meine Tochter. Was führt dich in dieses Gotteshaus?

Spielerin 1: Ähm, ja. Hallo. Also ich suche den ganzen Tag schon nach der Liebe.

Pfarrer: Ach, na ja, Mädchen. Der Richtige kommt schon noch. Du bist ja noch jung!

Spielerin 1 (gereizt und sehr bestimmt): Entschuldigung, guter Mann! Ich suche keinen Freund, auch keinen Liebhaber und erst recht nicht den Mann fürs Leben! Ich will einfach nur wissen, wo es Liebe gibt. Weihnachten ist angeblich das Fest der Liebe und hat doch auch irgendetwas mit der Kirche zu tun....!?

Pfarrer: Nun ja. Weihnachten sollte natürlich das Fest der Liebe sein. Alle sind furchtbar nett zueinander, zumindest bis nach der Bescherung... Aber die wirkliche Liebe wirst du unter denen, die nur zu Weihnachten in die Kirche kommen, wahrscheinlich kaum finden.

Ein kleiner Junge kommt mit einem Klingelbeutel und hält ihn auffordernd hin.

Pfarrer: Ach ja, der Kleine. Immer so aufmerksam. Willst du nicht selbst ein wenig Liebe üben und für die Reparatur der Orgel etwas spenden? (Drückt Spielerin 1 eine Bibel in die Hand)  Was du sonst über Weihnachten wissen musst, findest du übrigens hier.

Spielerin 1 nimmt die Bibel mit, ignoriert den Klingelbeutel und verlässt die Kirche.
 

Szene 3: Der Penner

 

Draußen wirft sie die Bibel dann achtlos weg. Ein Penner fängt sie auf.

Spieler 2: Hoppla, Mädchen. Was ist denn das? Eine Bibel? So was wirft man doch nicht weg!

Spielerin 1: Was soll ich damit? Ich habe keine Zeit. Ich muss schauen, ob es hier irgendwo die Liebe gibt.

Spieler 2: Jetzt setz dich erst mal, Mädchen. (Macht ein wehleidiges Gesicht) Übrigens: Hast du mal ein bisschen Geld für einen armen, alten Mann???

Spielerin 1 (muss lachen): Meinetwegen. (Legt ein paar Euro in den Hut) Also, jetzt erzähl mal. Wo finde ich Liebe?

Spieler 2: Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Da drüben an den Weihnachtsbuden und in den protzigen Geschäften gibt es die wirkliche Liebe ganz sicher nicht. Da geht es nur Profit und Umsatz. Weißt du, die ganze Zeit hast du die Liebe gesucht. Dabei war sie eben noch hier.

Spielerin 1 (springt auf und sieht sich um): Wo!?

Spieler 2: Hier, direkt bei dir. (zeigt auf den Hut) Da sind noch ihre Spuren.

Spielerin 1: Aber das ist doch nur Geld.

Spieler 2: Ja, aber du hast es mir ohne Zögern gegeben, obwohl ich nur ein alter Penner bin, der nicht besonders gut riecht.

Spielerin 1: Und wer sagt, dass das etwas mit Liebe zu tun hat?

Spieler 2: Die Bibel, die du gerade weggeworfen hast. Hier: (Schlägt Matthäus 19,19 auf) „Du sollt deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“
Und ein paar Seiten weiter sagt Christus (Matthäus 25, 40): Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Verstehst du? Liebe kann man nicht kaufen oder einfrieren oder irgendwo im Keller anhäufen. Liebe gibt es immer nur ganz frisch, und jeder von uns kann sie selbst mitgestalten.

Spielerin 1: Okay. Und wieso ist jetzt ausgerechnet Weihnachten das Fest der Liebe?

Spieler 2: Weil wir zu Weihnachten daran erinnert werden, dass Gott uns das größte Geschenk der Liebe gemacht hat: Seinen Sohn. Und wenn Gott uns soviel schenkt, sollten wir dann nicht wenigstens ein bisschen von dieser Liebe weitergeben?

 

                         Ende 

Gedanken an der Orgelbank

Gedanken an der Orgelbank

von: Michael Voigt