Autorengruppe WortWerk Lesen und Schmunzeln




Platz #91 in Bücher, #2249 insgesamt
5
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WortWerk Bunte Geschichten aus dem Leben

Ein weitere Episode geschrieben von einem WortWerkautoren! Viel Spaß!

Jetzt fällt mir aber gerade etwas ein, was ich unbedingt erzählen muss.

„Warum haben Sie jetzt auf die Uhr geschaut?!“ Die Stimme der Frau war schneidend. „Ist es Ihnen hier zu langweilig, oder haben Sie noch etwas Besseres vor?“
Der Angesprochene drehte und wendete sich, brachte keinen klaren Satz hervor. Er war einer von fünfzehn Männern, die hofften, hier einen Job als Anlage- und Vermögensberater zu bekommen. Dies war die erste Schulung. Sie wurde von der Chefin der Firma persönlich, Frau Silbermann, gehalten.
„Der Nächste, den ich dabei erwische, wie er auf die Uhr schaut, fliegt raus und geht nach Hause. Diese Schulung dauert so lange, wie sie dauert. Egal, wie oft sie auf die Uhr schauen. Also lassen Sie es einfach!“
Frau Silbermann war eine Frau von knapp 1,60m, strahlte Eleganz aus, schwarzhaarig, trug dezenten Schmuck. Ihre Stimme war jetzt schneidend, kalt, passte zu ihrem scharfgeschnittenen Gesicht. Später würde sie die zweite Schiene fahren – beißende Ironie. Die Herren konnten sich auf eine Chefin freuen, die ihnen das Leben sicher nicht leicht machen würde.
Jeder von ihnen wollte Geld verdienen, viel Geld. Es ging darum, Klienten mit gutem bis sehr gutem Einkommen oder Vermögen steuerbegünstigte Kapitalanlagen zu verkaufen. Der Anlagewert lag im sechs- bis achtstelligen Bereich. Und es gab sieben Prozent Provision! Also – machte man sich schon mal krumm!
Ich war der Trainer in dieser Firma. Ich machte Gesprächstraining mit den Mitarbeitern, mit den alten und dann später auch mit diesen neuen. Weil ich einen lockeren Ton draufhatte, war ich der good guy. Ich trat sie aber alle auch verbal so lange in den Hintern, bis sie entweder funktionierten oder gingen, weil sie den Job nicht aushielten.
Ich weiß nicht, wie Frau Silbermann und ich von den Mitarbeitern gesehen wurden – war uns auch egal. Hauptsache, die Umsätze stimmten. Die Arbeitsbedingungen hatten etwas von einer Galeere. Warum sollte man sie auch verwöhnen? Alle drei Monate wurde eine Anzeige geschaltet, in der wir neue Mitarbeiter suchten. Es meldeten sich jedes Mal etwa dreißig Leute, von denen dann – so wie jetzt – etwa fünfzehn in die Schulung kamen. Harter Job, hartes Training, harte Bedingungen. Wer es aushielt, hatte die Chance, reich zu werden.
Frau Silbermann und ich hatten ein Verhältnis, das nach außen sehr distanziert wirkte, es auch war. Wir haben uns nie berührt, nicht einmal die Hand gegeben. Innerlich waren wir uns sehr verbunden, haben aber nie ein Wort darüber gesprochen. Nur die Spannung baute sich von Monat zu Monat stärker auf.
Eines Tages hatten wir gemeinsam einen Außentermin. Wir standen vor einem Haus, das wir begutachten sollten. Wir blieben stehen, standen uns gegenüber, knapp einen Meter voneinander entfernt. Wir spürten – jetzt wird etwas geschehen. Beide versteiften, ohne sich zu rühren, ihren Körper. Standen sich gegenüber in einer Haltung wie Nussknacker aus dem Erzgebirge. Schauten sich in die Augen. Hier wurde nicht Sehnsucht, Begierde oder gar der Wille nach Zuwendung ausgestrahlt.
Nein – Macht! Beide strahlten ihre ganze Kraft, alles das, was sie jeden Tag praktizierten, dem Anderen in die Augen. Es baute sich ein Machtfeld zwischen beiden auf. Zunächst zwischen den beiden Augenpaaren, dann dehnte es sich auf die Köpfe aus. Es war eine undefinierbare Masse, die da entstand und langsam weiterglitt in den Schulterbereich. Die beiden sich starr gegenüber stehenden Menschen spürten, wie dieses Gefühl ihren Brustraum erreichte, sich dort anfühlte wie eine rotglühende Ritterrüstung.
Und dann! Es glitt weiter abwärts, erfüllte den Unterleib beider. Sie spürten es jeder für sich, doch auch gemeinsam. Erlebten es, ließen es zu! Gemeinsam. Was folgte, war eine Explosion. Waren Explosionen! Beide hatten kaum geatmet, jetzt schnappten sie nach Luft wie zwei plötzlich an Land geworfene Karpfen.
Ich drehte mich um, suchte hastig nach einem Taschentuch, um zu verhindern, dass die Feuchtigkeit außen auf der Hose sichtbar würde. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sie auf ähnliche Weise Schadensbegrenzung betrieb. Ich kniff die Augen einmal kräftig zu, holte noch einmal tief Luft und drehte mich dann um.
„Kaffee?“
„Kaffee!“
 

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