Das Brockhaus Wissens-Center: Geniale Idee oder Geldverschwendung?




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Das Brockhaus Wissens-Center: Geniale Idee oder Geldverschwendung?

Mit dem Anspruch, fundiertes Wissen und Unterstützung für Schüler zu bieten, präsentiert sich das Brockhaus Wissens-Center als geniale Komplettlösung. Können Eltern darauf wirklich vertrauen? Ein Testbericht.

Es begann ganz harmlos mit einem in der Schule verteilten Faltblatt. Jedes Kind durfte sich gratis aus einer kleinen Auswahl von Fach- und Übungsbüchern ein Exemplar bestellen - die Erlaubnis der Eltern natürlich vorausgesetzt. Versteckte Fallen im Kleingedruckten schien es nicht zu geben, also gingen wir darauf ein. Tatsächlich erhielten wir über die Schule wenig später problemlos das gewünschte Buch, welches sich tatsächlich als vollwertiges Nachschlagewerk herausstellte. Der Vorgang war schon fast vergessen, doch einige Wochen später meldete sich die Mitarbeiterin einer Vertriebsfirma und vereinbarte mit uns einen Termin. Im Allgemeinen stellt dies für uns keine sonderlich große Hürde dar. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich tatsächlich noch an ein typisches Vertretergespräch, in dessen Verlauf ich natürlich kategorisch jeden Kauf ablehnen würde. Kein Problem zu erwarten also. Doch alles kam ganz anders, denn die Vertreterin stellte nicht einfach beliebige Produkte des Verlagsprogramms vor. Sie präsentierte stattdessen eine angebliche Komplettlösung „für die ganze Familie“, weswegen sie auch Wert darauf legte, mit beiden Elternteilen und dem Kind gemeinsam zu sprechen. Insbesondere sollte die familiäre Komplettlösung aber für Schüler gedacht sein. Willkommen beim Brockhaus-Wissens-Center.

Was ist das Brockhaus-Wissens-Center?

Im Prinzip handelt es sich um ein ganzes System an Bildungs- und Lernmöglichkeiten anhand verschiedenster Medien: Mehrere Bände gedrucktes Wissen in lexikalischer und ausführlicher Form, verschiedene CD-ROM sowie schließlich online das eigentliche Wissens-Center, dessen Name allerdings auch synonym für das gesamte Paket verwendet wird. Dabei handelt es sich um die Zugangsberechtigung zu einem „Universum des Wissens“ (O-Ton Eigenwerbung). Das dort befindliche, fortlaufend aktualisierte, Wissen wird ergänzt durch nette Spielereien wie Zitate-Sammlungen, Geburtstagsurkunden oder ein Kreuzworträtsel-Lexikon. Wichtiger (und vermutlich oftmals kaufentscheidend) ist hingegen der Schülerservice: Hat ein Kind beispielsweise Probleme mit dem Hausaufgaben, kann es in einem Forum nachschauen oder auch direkt per E-Mail bei Fachpädagogen anfragen. Jene erledigen natürlich nicht die eigentlichen Hausaufgaben, sondern geben Verständnishilfe oder kontrollieren übersandte Aufgabenlösungen. Diese Lehrer können auch telefonisch kontaktiert werden. Abgerundet wird das Konzept durch eine Kundenzeitschrift zu interessanten Themen.

Was kostet das Angebot?

Ein solch umfassendes Angebot hat natürlich seinen Preis. Die Gesamtsumme belief sich in unserem Fall auf mehr als 1800 Euro. Ratenzahlung sei, so die Auskunft der Vertreterin, zinslos möglich. Rund zwei Wochen überlegten wir, rechneten und recherchierten natürlich im Internet. Die Diskussion zum Brockhaus-Wissens-Center war in diversen Foren zu dieser Zeit in vollem Gange. Meist gab es nur extreme Positionen. Immerhin erfuhren wir aber, dass bei vermeintlich oder tatsächlich säumigen Zahlern recht schnell ein (vorsichtig ausgedrückt) übereifrig aggressiver Anwalt aktiv würde. Eine Ratenzahlung schied somit aus Gründen der Vorsicht aus. Da das Brockhaus-Angebot nicht nur unserem Kind nützen würde, entschieden wir uns schließlich, auf Weihnachtsgeschenke zu verzichten und schlossen stattdessen einen Vertrag per Einmalzahlung ab. Die Lieferzeit wurde mit ungefähr einem Monat angegeben. Tatsächlich jedoch traf das Paket bereits nach knapp drei Wochen ein. Den Berechtigungsschlüssel für den Online-Zugang erhielten wir sogar noch etwas eher.

Die Vorteile des Wissens-Centers

Unsere Kaufentscheidung maßgeblich beeinflusst hatte das Verhalten der Vertreterin. Als sie meinen wenig überzeugten Gesichtsausdruck bemerkte, beendete sie das Verkaufsgespräch ohne weiteres Drängen, plauderte noch ein wenig mit uns und verabschiedete sich dann. Für uns war dies ein erstes Anzeichen, dass es hier nicht um die reine Jagd nach Provision ging. Nachdem wir nun bereits einige Zeit mit dem Wissens-Center arbeiten, bestätigte sich dieser Eindruck professioneller Qualität: Die gelieferten Bücher sind hochwertig verarbeitet und lesen sich leicht und informativ. Auch die Ausstattung der verschiedenen CD-ROM ist durchaus reichhaltig. Größtes Plus und Herzstück des ganzen Systems bleibt natürlich (wie oben erläutert) der Online-Bereich. Insgesamt wird hier recht seriöses Wissen vermittelt. Dieses ist um einiges verlässlicher als Wikipedia, wenngleich auch nicht so detailliert wie jenes (Angaben zur Zahnspange diverser Teenie-Idole fehlen natürlich ebenso wie ideologische Edit-Wars....). Das Wissens-Center stellt somit tatsächlich eine zitierfähige Quelle für Referate, Facharbeiten oder Sachtexte dar.

Die Hausaufgabenhilfe und die Betreuung durch die Pädagogen des Wissens-Centers erwies sich als sehr hilfreich und fundiert. Einmal wurde im Fach Englisch sogar eine aus dem Schulbuch verwendete Vorlage verbessert. Die Antworten erfolgten innerhalb weniger Stunden. Nicht soviel Erfolg hatten wir mit dem Individualservice. Ich hatte für eine Textrecherche die Frage gestellt, seit wann es in Deutschland das Verkehrszeichen Haltverbot gibt. Nach einigen Tagen erhielt ich postalisch Antwort, bestehend aus einer sinnlosen Internetadresse.

Kleiner Hinweis: Beim Arbeiten mit dem Online-Portal öffnet man in der Regel mehrere Tabs. Dabei kann es leicht passieren, dass man versehentlich den Tab mit der Anmeldemaske schließt. Diese enthält jedoch auch den Button für die Abmeldung. Verlässt man das Portal allerdings ohne Abmeldung, geht das System davon aus, dass immer noch ein Nutzer aktiv ist. Meldet man sich später am Tag erneut an, zählt dies als weiterer Nutzer. Ein drittes Mal ist der Zugang zum Portal dann nicht mehr möglich, da das System glaubt, die Höchstzahl von zwei Nutzern gleichzeitig sei erreicht. Diese ungewollte Blockade entsperrt sich allerdings in der Regel nach 24 Stunden.

Botschaft der Vergangenheit

Botschaft der Vergangenheit

von: Michael Voigt, Özge Boya




Es ist nicht alles Gold, was glänzt: Mängel beim Wissens-Center

Fürstliche Preise dürften eigentlich auch fürstliche Lieferqualität erwarten lassen. Doch das preisintensive Brockhaus-Paket hat auch seine (teilweise versteckten) Mängel. Zunächst einmal entpuppten sich von den 13 in der Broschüre abgebildeten Brockhaus-Bänden lediglich zehn als wirkliche Bücher. Der Rest bestand aus optisch ansprechend gestalteten Imitaten, in deren Inneren sich die gelieferten CD-ROM befanden. Die zehn echten Bücher gliederten sich in zwei Bereiche:

  1. Die Reihe Themenwissen umfasst klassische Lexikon-Einträge, untergliedert nach Schulfächern. Zu dieser Reihe gehört zudem ein visuelles Wörterbuch, welches einen abgebildeten Gegenstand in verschiedenen Sprachen benennt. Diesen Teil des Pakets hätte Brockhaus getrost einsparen (und damit den Preis senken) können. Abgesehen von der unpraktikablen Handhabung dieses „Wörterbuchs“ erscheint die Auswahl der Fremdsprachen fragwürdig. Neben Englisch und Spanisch, zwei der weltweit am häufigsten verwendeten Sprachen, benennt dieses Buch die jeweiligen Begriffe auf Türkisch und Russisch! Die Weltsprache Französisch jedoch (immerhin ein typisches Abitur-Fach) sucht man vergeblich.
  2. Die Reihe Wissenswelten hingegen behandelt Bereiche wie Popmusik, Geschichte, Politik oder deutsche Städte in ausführlichen, leicht verständlichen Texten. Allerdings erscheint die Auswahl der jeweiligen Themen recht willkürlich und lässt selten ein System erkennen.

Die CD-ROMs wiederum enttäuschten dadurch, dass sie nur auf jeweils einem Computer installiert werden dürfen. Unschön, aber vorher bekannt, war auch die Tatsache, dass der Online-Zugang nur auf maximal zwei Computern installiert werden kann und nach drei Jahren erlischt. Eine Verlängerung für monatlich zehn Euro sei aber danach möglich. Vorsicht: Auch mehrere Benutzerkonten eines Computers gelten jeweils als eigenständiger Zugang. Was passiert eigentlich, wenn solch ein Rechner mit installiertem Zugang an Altersschwäche stirbt? Auf unsere entsprechende Nachfrage hin wurde zwecks Freischaltung eines anderen Computers auf eine Technik-Hotline verwiesen. Der Online-Bereich selbst beinhaltet zwar enorme Wissens-Datenbanken. Doch viele der Suchergebnisse sind lediglich kurze, lexikalische Einträge. Für verwöhnte „Wikipedianer“ ist dies sicherlich eine Umstellung. Andererseits gibt bei komplexen Sachverhalten (beispielsweise der Teilung Berlins 1945-1990) neben detaillierten Ausführungen für Erwachsene auch den so genannte Schülerservice. Er bietet eine einfach erklärte, übersichtliche Darstellung des Themas.

Lohnt sich der Kauf ?

Ohne Zweifel: Dieses Komplettangebot von Brockhaus ist eine geniale Idee und kann als wertvolle Arbeitshilfe gute Dienste leisten. Doch natürlich stellt sich die Frage, ob dies eine immerhin vierstellige Investition rechtfertigt. Eine gute Auswahl klassischer Lexika, ergänzt um sorgfältige Internetrecherchen kann bestehende Wissenslücken schließlich ebenso zuverlässig schließen. Wirklich interessant ist dieses Angebot allerdings für Familien mit schulpflichtigen Kindern. Rechnet man einmal gegen, was ein Nachhilfelehrer im Laufe der Jahre kostet, dann relativiert sich der Preis für das Wissens-Center recht schnell. Klar ist allerdings auch: Wer sich zum Kauf entscheidet, sollte wissen, wie oft und wofür er das Brockhaus-Angebot nutzen möchte und dieses Vorhaben dann auch konsequent umsetzen.

 

Nachtrag: Drei Jahre später
Im Dezember 2014 endete die dreijährige Vertragsdauer automatisch. Der Zugang zum Online-Portal wurde gesperrt. Bis dahin hatten wir es reichlich genutzt, nicht nur für schulische Zwecke. Geblieben sind uns wertvolle Nachschlagewerke sowie unserem Kind deutlich verbesserte Schulnoten. Gelohnt hatte sich der Kauf also auf jeden Fall für uns.
Nach Angaben der Vertreterin bei Vertragsabschluss wäre es möglich gewesen, gegen eine geringe monatliche Gebühr den Vertrag fortzuführen. Leider erhielten wir von Brockhaus kein entsprechendes Angebot. Schade eigentlich. Vielleicht hätten wir uns überreden lassen...
 

Bitte beachten Sie, dass es sich um einen Testbericht handelt. Einzelne Aspekte, insbesondere Angaben zu Leistungen und Preisen, beziehen sich ausschließlich auf den beschriebenen Fall und können selbstverständlich variieren.
 

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