Erstmalig im "goldenen Westen"




Platz #442 in Gesellschaft, #2748 insgesamt
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Erstmalig im

Endlich war die Mauer gefallen und wir durften in den „goldenen“ Westen fahren, wo sogar das Gras grüner war. Wie Tausend andere fuhr ich los, enger als beim Viehtransport eingepfercht im Zugabteil. Ich hatte einen Fensterplatz ergattert. Heute würde man lauthals gegen solche Zustände protestieren, aber wir schwebten im siebten Himmel. Wir sollten begrüßt werden, mit hundert Westmark. Noch nie hatte ich jemals in meinem Leben so viel Westgeld besessen. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, unterhielt man sich mit DDR-Witzen, besonders über Honecker. Da meint einer: „Kennt ihr den Witz: Erich Honecker hatte mit der berühmten Eiskunstweltmeisterin Kathrin Witt ein Stelldichein. Dabei wollte er ihr einen Wunsch erfüllen. Sie antwortete: Lieber Erich ich wünsche mir, dass die Mauer geöffnet wird. Oh! Oh! Wieso denn so etwas Schreckliches? Na, weil ich endlich mal mit Dir allein sein will. Plötzlich meldete sich ein anderer zu Wort, der durch seinen bayrischen Dialekt auffiel: „Schaut`s mal einer an. Früher gab`s drüben nur ein einziges Nationalgericht: Gedämpfte Zunge! Jetzt riskiert`s alle eine große Lippe. Euch wird das Lachen noch vergehen. Ihr wird`s noch euer blaues Wunder erleben. Im Westen ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Vorige Woche war eine kilometerlange Schlange vor dem Landratsamt. Es goss wie aus der Gießkanne. Viele hatten keinen Schirm mit. Die standen stundenlang da, wie begossene Pudels. Schaut`s euch mal den grauen Himmel draußen an!“ Selbst, wenn es Eis-Kürbisse gehagelt hätte – wir ließen uns unsere gute Stimmung nicht verderben. War es Probstzella, ich weiß es nicht mehr. Irgendwie sahen die Grenzorte alle gleich aus, mit ihren Häuserfassaden, grau wie verwaschene Landkarten, weil überall der Putz abfiel. Hier mussten wir in gelbe Omnibusse mit abgeschabten Sitzen, umsteigen, die Fensterscheiben so dreckig, dass man alles nur verschwommen sah. Ich quetchte mich hinein, um wenigstens einen Stehplatz zu ergattern. Vor der Staatsgrenze wurden wir ausgeladen und zu Fuß ging es auf der Asphaltstrasse weiter. Wir bestaunten die Überbleibsel der berüchtigten Stacheldrahtanlagen, besonders aber einen Wachturm, der aussah wie einer von einem Gefängnisgelände. Wir marschierten etwa einen Kilometer, dann empfingen uns mehrere moderne Busse, alles sauber, bequeme, mit Stoff gepolsterte Sitze. Keiner brauchte zu drängeln, jeder bekam seinen Platz. Endlich waren wir in Kronach. Eine Riesenherde zweibeiniger Rindviecher setzte sich in Bewegung, immer den Leitbullen nach, Richtung Landratsamt. Sie wurden immer schneller und rannten schließlich in wilder Panik los, um die Ersten zu sein und nicht stundenlang anzustehen zu müssen beim Begrüßungsgeldsegen. Irgendwie hatte ich den Anschluss verpasst, wie ich vor einem Tante-Emma-Laden staunte, was es da alles an Bananen, Apfelsinen und Kiwis, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sah, zu kaufen gab. Ich kam mir vor wie im Schlaraffenland. Ein „Grüß Gott“ riss mich aus meinen Träumen. „Da staunter`s,“ sprach mich ein Franke mit lustigen Fältchen im Gesicht an. „Hast wohl deine Herde verloren? Ich würde denen gar nicht erst hinterher laufen zum Landratsamt, sondern oben zur Post gehen, da steht kein einziger Grashalm an!“ Ich bedankte mich für diesen Tipp. Fünf Minuten später betrat ich die kleine Postbude - sie erinnerte mich an unsere DDR, nur war sie von Menschen leergefegt. Wollte der Franke mich in den April schicken? „Na, schaun mer amal,“ sagte ja Bayerns berühmtes Fußballidol. Ich schaute rein. Mit „ Grüß Gott!“ begrüßten wir uns. Der Schalterbeamte musterte mich misstrauisch: „Im Landsratsamt kriegt`s wohl nichts mehr, wollt`s wohl doppelt kassieren. Zeigt`s mal euer Dokument!“ Nachdem er mein Personalausweis eifrig studiert hatte, händigte er mir das Begrüßungsgeld aus. „Halt, jetzt muss noch abgestempelt werden. Wir Franken seien halt bayrischer als die Preußen! Und versauft`s nicht gleich alles“ So verabschiedete er sich fränkisch-heiter von mir. Mit meiner Westknete in der Tasche fühlte ich mich wie ein kleiner Gott in Frankreich, kaufte einen ganzen Rucksack voll Bananen, Apfelsinen, Kiwis. Natürlich durfte das fränkische Bier nicht fehlen. Bier in Büchsen, das war für mich „Ossi“ neu. Insgeheim machte ich mir Sorgen, ob ich nicht den kleinen „Wessikindern“ die Bananen und Apfelsinen wegessen würde. Wenn ich in Jena mal Glück hatte, eine Tüte Bananen zu bekommen, kritisierte mich so mancher Kollege aus der Schlosserbrigade, wegen der Kinder bei uns, die nun keine Bananen bekämen. Besonders kritisch waren die, die laufend dicke Westpakete bekamen. Ich schleppte meinen schweren Rucksack durch Kronach, das ich sehr romantisch fand mit seinen Mauern, Treppen und Häuschen aus Natursteinen. Ich stieg treppauf, treppab. Nun stand ich vor einer Doppeltreppenmauer. Man konnte links oder rechts hinauf steigen zu einer altertümlichen Tür. Und dort oben hing ein Schild: WIR VERKAUFEN DEN FRÄNKISCHEN TAG! Eins zu eins, auch gegen Ostgeld! Kann man sich im Westen auch einen Tag kaufen? Was kostet da wohl eine Stunde, fragte ich mich. Sicher so eine Art Stadtführerreklame. Nichts wie rein zu diesem „Wessiangebot“. Eins zu eins, davon hatte ich weder von Mutter und Vater und sonstigen Bekannten je gehört, die den Westen des Öfteren besuchen durften. Dazu muss man wissen, dass ein Kilo Bohnenkaffee in der DDR vierzig Mark kostete. Dafür waren die Mieten und Grundnahrungsmittel billiger. Ich klopfte an und trat ein. Die hinter Computerschirmen Sitzenden wendeten ihre Köpfe, begrüßten mich im Chor mit „Grüß Gott“! Sofort fiel ich mit der Tür ins Haus: „Was kosten ein, zwei Stunden fränkischer Tag?“ Vorsichtig fügte ich hinzu:“ Natürlich eins zu eins in Ostgeld.“ Alle lachten los, schlugen sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Einer hielt ein Stück Papier hoch, so groß wie eine Seite vom Neuen Deutschland und rief: „Das kostet drei Pfennige! Nein, zweikommaneunundzwanzig Pfennige, verbesserte ihn ein anderer. Ich kam mir vor wie in unserer sozialistischen Schlosserbrigade, wo einer den anderen auf die Schippe nahm. Jedoch die Genossen zur Brigadefeier sich aufregten, wenn wir dann angeheitert sangen: „Oh du schöner Westerwald, da pfeift der Wind so kalt.“ Schließlich brauchte ich für einen ganzen fränkischen Tag nur den Sonderpreis von 80 Pfennigen Ost zu bezahlen. Als diese netten Kronacher Zeitung später mein erstes Gedicht abdruckte, bekam ich sogar einen ganzen Fränkischen Tag geschenkt - als Belegexemplar.