Manien




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Manien
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Jeder Verrückte hat so seine Manie. Auch religiöse Leuten haben das. Als Nonne habe ich mein Leben Gott gewidmet; manchmal holen mich die weltlichen Dinge allerdings ein, das muss ich zugeben.

Osterwoche, die Kirche ist geputzt und geschmückt, glänzt, zeigt prächtige Silberschalen und Goldkelche auf dem Alter, umhüllt mit Purpur, überdeckt mit unzähligen Blumen. Es riecht nach Weihrauch und ein bisschen nach Majoran und Raute. Unser betagter Pfarrer hält an seinen alten Gebräuchen inne; Raute und Majoran vertreibt böse Geister und muss stets in einer Vase stehen, frisch und in der Ecke versteckt, damit niemand sieht, wie sehr er an den alten Gepflogenheit festhält.
 

Die Nonne in mir

Ich bin eine Nonne, aber ich bin auch eine Frau. In mir brennt eine Sehnsucht, nicht nur nach Gott und Jesus. Aber dieser Mann meines Lebens weiß nicht einmal, wer ich bin ...
Er hat eine andere geheiratet, vor mehr als 40 Jahren. Und deshalb bin ich Nonne geworden. Ich wollte nur ihn; ihn oder keinen. Und jetzt, nach mehr als 40 Jahren habe ich ihn wiedergesehen. In der Bäckerei, als ich den bestellten Osterzopf holte. Er grüßte mich, nickte mir zu und ich hätte fast einen Stuhl gebraucht, um mich hinsetzen zu müssen.
 

Manien

Nonne zu sein hat mich 40 Jahre lang davon abgehalten, mir diesen Moment vorzustellen. Er ist Witwer, habe ich gehört. Und neue Hoffnungen werden plötzlich in mir wach. Jene Hoffnungen, die ich 40 Jahre lang hinter der Bibel und unter dem Altar vergraben habe. Ich stelle mir vor, wie er mich einladen würde, zum Ausgehen, zu einem Spaziergang, zum Tanzen. Ich könnte ihn zu einem Tee einladen; nein, das schickt sich nicht für eine Nonne. Noch immer hebe ich diesen alten kupfernen Teekessel auf, der seit 40 Jahre auf dem Regal steht und niemals seine Bestimmung erfüllt hat. Genau wie die Aussteuerstücke, die meine Mutter handbestickt hatte für meine Hochzeit, die niemals stattfand. Auch sie alle habe ich aufgehoben; man weiß je nie ...

Hoffnungen bleiben so lange bestehen wie Liebe. Ich weiß, dass nicht im Leben ewig ist ... vielleicht fasse ich irgendwann den Mut ...
 




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