Reinkarnation im Judentum




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Le Dor wa Dor - von Inkarnation zu Inkarnation

Nur wenige Menschen würden die Frage, in welchen Religionen der Reinkarnationsgedanke verankert ist, auch mit dem Judentum beantworten. Wikipedia als bekanntestes, wenn auch nicht immer fehlerfreies, Online-Lexikon widerspricht sich in verschiedenen Artikeln zu diesem Thema sogar selbst. Während unter der Überschrift Reinkarnation korrekterweise erwähnt wird, dass es im Judentum den Glauben an die Reinkarnation gibt, weist der Artikel über die Abrahamitischen Religionen diese für alle drei genannten Religionen in einem Nebensatz zurück. (Stand der Wikipedia-Artikel vom 31.12.2013). Dieser Widerspruch ist nicht übermäßig verwunderlich, denn sich wenig mit dem Thema beschäftigende AutorInnen stoßen nicht unbedingt auf diesen Teil der jüdischen Weltbeschreibung. Der Verfasser des Lexikon-Artikels über die Reinkarnation hat sich hingegen umfassend mit diesem Thema befasst und somit dessen Relevanz für das Judentum entdeckt.

Es geht vorwiegend um das jetzige Leben
Der Kernpunkt der Halacha ist das aktuelle Leben auf der Erde. Der Glaube an die zukünftige Welt gehört zwar zu den dreizehn Glaubenssätzen, welchjene Maimonides (der Rambam) im Jigdal zusammengefasst hat, seine Ausgestaltung ist aber jedem einzelnen überlassen und nicht dogmatisch festgelegt. So betonen einige Jüdinnen und Juden das Weiterleben in ihren Kindern (oder bei Kinderlosen in den von ihnen beeinflussten Menschen) und deren Nachkommen, während andere verschiedene Formen einer Auferstehung annehmen. Der Glaube an die erneute Inkarnation stellt eine weitere Möglichkeit dar.

Die Reinkarnation nach jüdischer Vorstellung erfolgt bei Menschen wieder als Mensch
Die Reinkarnation (Gilgul Neschamot oder kürzer Gilgul) nach dem jüdischen Verständnis erfolgt bei Menschen erneut als Mensch. Eine andere Lebensform ist nicht vorstellbar. Ob Tiere sich ebenfalls mehrmals inkarnieren, wird ebenso unterschiedlich wie die Frage nach einer tierischen Seele beantwortet. Üblicherweise wird die Inkarnation nicht als Strafe verstanden, sondern als Chance, in einem früheren Leben begangene Fehler zu verbessern oder unerfüllt gebliebene Begegnungen zu vollenden. Die meisten an eine Reinkarnation glaubenden Jüdinnen und Juden gehen davon aus, dass die Inkarnationskette endet, sobald die Seele alle ihr gestellten Aufgaben lösen konnte. Davon abweichend existiert auch die Auffassung, dass mit Beginn der Welt eine begrenzte Anzahl an Seelen geschaffen worden sei, so dass die immerwährende Reinkarnation erforderlich sei. Teilweise wird angenommen, dass nur jüdische Seelen reinkarnieren, zunehmend setzt sich aber die Auffassung durch, dass die Wiedergeburt alle Menschen betreffe. David Schweizer hatte 2005 als Präsident der Schweizerischen Jüdischen Vereinigung in Basel betont, dass selbst die schlimmsten VerbrecherInnen des Nazi-Regimes bei späteren Reinkarnationen die Möglichkeit zum Ausgleich ihrer Sünden erhalten. Der Einheit von Körper, Seele und Geist widerspricht die Reinkarnation nicht, da diese für jedes einzelne Leben wieder neu gilt. Sie befreit auch nicht davon, einen dauerhaften Begräbnisplatz zu wählen und Grabstätten nicht aufzulösen, zumal niemand weiß, ob der entsprechende Körper nicht als letzte Verkörperung die Seele bewahrte.

Was sagen die Schriften?
Eindeutig auf die Reinkarnation hinweisende Stellen im Tanach finden sich nicht, während diese im Talmud kontrovers diskutiert wird. Die Erwartung der Wiederkehr des Propheten Elias kann nicht als Beleg für den Gedanken an die Reinkarnation angesehen werden, da dieser nicht verstarb, sondern entrückt wurde. Die wichtigsten Werke der Qabbalah hinsichtlich der Reinkarnation tragen die Titel Sefer-ha-Bahir (Buch der Erleuchtung) und Sefer-ha-Gilgulim (Buch der Wiedergeburten), wobei letzteres verschiedene Stellen der Hebräischen Bibel als Beleg für die Reinkarnation deutet. Eine typische Stelle ist Kohelet (Prediger) 1,4, wo Dor nicht mit Generation sondern Inkarnation übersetzt werden kann. Entsprechend ist le Dor wa Dor in der Amida nicht nur als "von Generation zu Generation", sondern auch als "von Inkarnation zu Inkarnation" deutbar.  Wer diese Übersetzung als (auch) zutreffend annimmt, denkt auch in jeder Amida an die Geschichte seiner Wiedergeburten.

Gibt es Unterschiede zwischen den Richtungen hinsichtlich des jüdischen Reinkarnationsglaubens?
Auffälligerweise existiert ein deutlicher Unterschied im Glauben an die Reinkarnation zwischen den einzelnen jüdischen Richtungen, wobei die aschkenasische Orthodoxie diese am stärksten vertritt und in einigen Siddurim (Gebetbücher) Gebete um Vergebung für die Taten vergangener Inkarnationen aufführt. Im progressiven Judentum ist der Glaube an die Wiedergeburt zwar nicht verpönt, aber weniger verbreitet. Das liegt vor allem daran, dass ein Großteil der liberalen Juden das Leben der künftigen Welt in den Kindern als in einem echten Weiterleben im Jenseits oder erneutem Leben nach dem Tode sieht.

Ist Karma der passende Begriff?
Das jüdische Morgengebet dankt Gott für die reine Seele. Es bezieht sich in erster Linie auf die Vorstellung, dass die Seele während des Schlafes zum Himmel reist und dem Menschen beim Aufwachen rein zurückgegeben wird. Entsprechendes gilt auch für den längeren Schlaf zwischen dem Sterben und der nächsten Geburt. Die Seele ist rein und trägt keine Schuld aus dem früheren Leben, wohl aber die Verantwortung, die damit verbundenen Beziehungen und Situationen zu verbessern. Da der Karma-Begriff üblicherweise mit dem Gedanken an Schuld verbunden ist, passt er auf die jüdische Vorstellung der Wiedergeburt nur bedingt – es sei denn, er wird hinreichend in seiner im Judentum besonderen Bedeutung erklärt.

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