Vom Umgang mit Zitaten




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So passend es manchmal sein mag - und so verlockend - aber: Auf eine Frage, eine Aussage oder auf einen Beitrag im Internet oder im persönlichen Gespräch nur mit einem Zitat zu antworten, ist billig und zeugt nicht vom eigenen Denkvermögen. Wir kennen das vor allem aus sozialen Netzwerken. Auf Beiträge oder meist politische Nachrichten wird nur mit einem Zitat geantwortet. Wir lesen dann bekannte Zitate wie: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg) oder "Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." (Albert Einstein).

Kluge Worte, die nicht aus eigener Feder stammen, aber gern die eigene Meinung kundtun möchten. Aber wozu? Soll der Leser selbst darauf kommen, was der Verwender des Zitats der Welt sagen will? Ist er nicht in der Lage, selbst kluge und treffende Worte zu finden? Muss er seinen Aussagen mehr Gewicht verleihen, indem er Persönlichkeiten zitiert? Ist er zu bequem oder hat er einfach keine Lust, seine Meinung zum Thema in knackige Worte zu fassen? Oder ergötzt er sich am Zitat? Das wäre zugleich neunmalklug. Denn jemand, der zu jeder Gelegenheit Zitate abruft oder vielmehr zu jedem Thema ein Zitat parat hat, wird leicht abgestempelt als Schlauberger.

Zitate richtig verwenden

Peinlich wird es besonders, wenn zum Zitat nicht der Urheber genannt wird. Als sei das Zitat vom Verwender. Oder getreu: Das kennt man doch oder das muss jeder kennen. Aber nicht jedes Zitat ist allen bekannt und selbst wenn man es gehört hat, kennt man nicht unbedingt den Urheber. Selbst wenn man ihn kennt: Er ist stets zu nennen.

Grundsätzlich spricht nichts gegen Zitate - es sei denn, sie werden im falschen Zusammenhang gebraucht. Auch das kommt vor, nämlich dass Zitate falsch gesetzt werden, weil der Verwender des Zitats die Absicht des Zitatgebers nicht verstanden hat und weil er daher glaubt, die Aussage des Zitats passe zum Thema. Aber wer weiß schon immer, was der Zitierte zu seiner Zeit gedacht hat und was er genau mit dem Zitat ausdrücken wollte? Gerade deshalb eignen sich Zitate besonders (und vielleicht nur) dazu, über sie nachzudenken, ihren Sinn zu erforschen. Freilich ist nicht jedes Zitat schwer verständlich. Es sind eher Aphorismen, die zum Nachdenken zwingen, weil ihre Aussage nicht immer sofort erkennbar ist. Geflügelte Worte hingegen, also Redewendungen, gehören beinahe zum Sprachgebrauch und sind so einfach wie das Bibel-Zitat „Alles zu seiner Zeit“.

Zitate an der richtigen Stelle können eine Aussage untermauern. An der richtigen Stelle heißt: am Ende eines Vortrags oder eines Aufsatzes oder auch mittendrin. Am Anfang sollte man ein Zitat nur in einer Zeitungsnachricht oder Meldung unterbringen. Nicht aber zu Beginn einer Rede, nach dem Motto „Meine verehrten Damen und Herren. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ (Bertolt Brecht). Mehr als zwei Zitate sollte man grundsätzlich nicht verwenden, sondern stets das zutreffende wählen. Sonst entstehen Sätze wie: "Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will." (Jean-Jacques Rousseau), denn "Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit. Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten."(George Bernhard Shaw) Aber "der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit." (Thomas Jefferson).

Zitate aus der Mottenkiste

Hüten sollte man sich auch vor Zitaten, an denen der Mief der Jahre haftet. So wahr und treffend diese Zitate sind, so häufig wurden sie missbraucht und sind dadurch eintönig. Andere Länder haben schon zu lange andere Sitten (chinesisches Sprichwort), seit 70 Jahren sehen wir nur mit dem Herzen gut, weil das wesentliche für die Augen unsichtbar ist (nach Antoine de Saint-Exupery, dessen Zitate offenbar in jeder Lebenslage herhalten müssen). „Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“ (John F. Kennedy) - das möchte ich langsam nicht mehr tun. Oder „Stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ (Carl Sandburg), du musst es dir aber nicht vorstellen, wenn du nicht willst. Wussten Sie schon, „Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.“ (Robert Lembke)? Klar wussten Sie es, auch an diesem Zitat kleben schon die Spinnweben.

Deshalb gilt: Bevor ich ein Zitat verwende, mache ich mir selbst Gedanken zum Thema. Dann muss ich mich fragen, ob das Zitat meinen Standpunkt untermauert oder einfach nur gut klingt. Ein Zitat, blind in die Runde geworfen, entwertet zugleich das Zitat - und denjenigen, der es verwendet. Ein Zitat abzurufen ist einfacher als selbst einen sinnvollen Beitrag abzugeben. Ein Zitat ist meist treffender, doch ist es der Gedanke eines anderen, der sich zuvor auch Gedanken gemacht hat, was er sagen möchte. Daher sollten Zitate in erster Linie dazu da sein, über ihren Inhalt zu grübeln. Aber geistlos Zitate gebrauchen ist stets geistlos.

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